Warum Sensoren nicht reichen – man muss sie auch auswerten

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Sensoren sind Messpunkte, keine Lösungen. Erst wenn Messwerte kontextualisiert, qualitätsgesichert und in belastbare Kennzahlen überführt werden, entstehen bessere Entscheidungen – schnell, nachvollziehbar und mit einfachen Werkzeugen wie Python oder SQL. 📊

Use-Case 1: Ungeplante Stillstände senken

  • Metriken/Methodik:
  • Mittlere Zeit zwischen Ausfällen (MTBF) und mittlere Reparaturzeit (MTTR) aus Ereignislogs der Steuerung ableiten.
  • Verfügbarkeitsanteil und Gesamtanlageneffektivität (OEE) als Zielgröße; OEE = Verfügbarkeit × Leistungsgrad × Qualitätsrate (ISO 22400).
  • Ereigniserkennung aus Strom-/Vibrationssignalen, Zeitstempel synchronisieren, Ausreißer filtern.
  • Beispiel (Python, komprimiert):
  • Ereignislog mit Spalten start, end, state (run/stop) einlesen.
  • Aus Stop-Intervallen MTBF/MTTR pro Schicht berechnen.
  • Interpretation:
  • Sinkende MTBF bei gleichbleibender MTTR weist auf häufiger werdende Kleinstörungen hin (z.B. Materialzufuhr).
  • OEE-Verluste klar trennen: Verfügbarkeit vs. Leistung vs. Qualität.
  • Handlungsempfehlung:
  • Stopgründe standardisieren (Kategorien), Zeitstempel aus einer Quelle.
  • Tägliches MTBF/MTTR-Board; Maßnahmen auf Top-3-Verlustquellen fokussieren.
  • Für Vorhersagen zunächst einfache Frühwarnregeln (z.B. Trend in Mikrostopps) statt komplexer Modelle. 🔧

Use-Case 2: Energieverbrauch pro Teil sichtbar machen

  • Metriken/Methodik:
  • Spezifischer Energiebedarf (kWh pro Teil) und Energie-Performance-Kennzahl (EnPI) nach ISO 50001.
  • Leistungsmessung (kW) mit Takt-/Zyklus-Signal koppeln, Integration der Leistung pro Zyklus.
  • Lastspitzen (kW über 15‑Min.-Fenster) für Lastmanagement identifizieren.
  • Beispiel:
  • Leistungssignal auf 1 s resamplen, pro Teil die Fläche unter der Kurve integrieren (kWh).
  • EnPI als kWh/Teil pro Schicht tracken und mit Materialtyp, Temperatur, Bediener kontextualisieren.
  • Interpretation:
  • Hohe Streuung in kWh/Teil deutet auf inkonsistente Prozessführung oder Anfahrverluste.
  • Lastspitzen lokalisieren und auf planbare Schritte verschieben (z.B. Aufheizen, Reinigung).
  • Handlungsempfehlung:
  • Ein einfaches Dashboard: kWh/Teil, kW-Spitzen, EnPI‑Trend.
  • Maßnahmen testen: Standby-Strategien, Aufheizprofile, Batching; Wirksamkeit über EnPI prüfen. ⚡

Use-Case 3: Prozessfähigkeit belegen statt Bauchgefühl

  • Metriken/Methodik:
  • Prozessfähigkeitsindizes Cp/Cpk für kritische Maße.
  • Voraussetzung: verlässliche Messung – Unsicherheit und Kalibrierung beachten (GUM).
  • Datengrundlage: Stichprobe n ≥ 50 je Produkt/Variante, Normalitätscheck, Stabilität über Zeit.
  • Beispiel:
  • Aus Messwerten Mittelwert und Standardabweichung ermitteln; Cp = (USG − USL)/(6·σ), Cpk = min((USG − μ)/(3·σ), (μ − USL)/(3·σ)) mit unterer/oberer Spezifikationsgrenze (USL/USG).
  • Interpretation:
  • Cpk < 1,33: erhöhte Ausschussgefahr oder Nacharbeit; Ursachenanalyse entlang Material, Werkzeug, Temperatur.
  • Handlungsempfehlung:
  • Messsystem-Prüfung (Wiederholbarkeit/ Vergleichbarkeit).
  • Fähigkeitsziel je Merkmal festlegen, Maßnahmenwirkung mit Vorher/Nachher‑Cpk absichern. 🧠

Datenqualität zuerst – minimal, aber wirkungsvoll

  • Einheit und Kalibrierstatus je Sensor dokumentieren; Änderungen versionieren.
  • Zeitbasis harmonisieren (eine Referenzuhr), fehlende Werte kennzeichnen statt interpolieren, wenn sie länger sind als ein Zyklus.
  • Plausibilitätsregeln: Wertebereich, physikalische Grenzen, Schaltflankenlogik.
  • Ereignissemantik definieren: Wann beginnt/endet ein Zyklus? Was gilt als Störung?

Kleine Daten-Pipeline für KMU

  • Erfassung: Steuerungs- und Zähldaten über standardisierte Schnittstellen (z.B. OPC UA nach IEC 62541).
  • Speicherung: Zeitreihen-Datenbank oder SQL-Server mit sauberem Namensschema.
  • Auswertung: Python-Notebooks (pandas) für Kennzahlen, Export nach Dashboard.
  • Visualisierung: Einfache, fragegetriebene Sichten – je Metrik eine klare Aussage, keine „Datenfriedhöfe“.

Typische Metriken – schnell nutzbar

  • Stillstände: MTBF/MTTR pro Schicht, Top‑3‑Stopgründe (Pareto).
  • Leistung: Durchsatz vs. Taktzeit, Mikrostopps/Schicht.
  • Qualität: Ausschussquote je Ursache, Cp/Cpk der kritischen Merkmale.
  • Energie: kWh/Teil, Lastspitzen, EnPI je Produktlinie.

Quickstart in 10 Tagen

  1. Ziel-Frage fixieren (z.B. „20 % weniger ungeplante Stopps“).
  2. 3–5 relevante Signale wählen, Ereignislog definieren.
  3. Datenqualität-Checks implementieren.
  4. Kennzahlenrechnung in Python umsetzen, Ergebnisse mit Team spiegeln.
  5. Kleines Dashboard veröffentlichen, Maßnahmen testen, Effekt nach 2 Wochen bewerten.

Klare Botschaft: Sensorik ohne Auswertung bindet Kapital, aber liefert keine Wirkung. Mit wenigen, sauber berechneten Kennzahlen entstehen konkrete Hebel – nachvollziehbar, wiederholbar, wirksam.

Quellen

  • ISO 22400-2: Manufacturing operations management — Key performance indicators (2014) — ISO 22400-2
  • VDI/VDE 3714 Blatt 1: Anwendung von Analytics in der industriellen Produktion (2019) — vdi.de
  • ISO 50001: Energy management systems — Requirements with guidance for use (2018) — ISO 50001
  • JCGM 100: Evaluation of measurement data — Guide to the expression of uncertainty in measurement (2008) — JCGM 100:2008

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