Sicherheitsabstände – was sagt die Norm?
Sicherheitsabstände sind ein zentrales Element der Maschinensicherheit. Sie verhindern, dass Beschäftigte Gefahrstellen erreichen, bevor die Gefahr beseitigt oder die Bewegung zum Stillstand gekommen ist. Normen liefern dafür klare, praxistaugliche Regeln – von Maschenweiten und Schutzzaunhöhen bis zur Positionierung von Lichtvorhängen und Trittmatten. ⚠️
Normative Grundlagen im Überblick
| Norm (ÖNORM/EN/ISO) | Zweck | Typische Anwendung |
| — | — | — |
| EN ISO 13857 | Sicherheitsabstände, um das Erreichen von Gefahrenbereichen mit oberen und unteren Gliedmaßen zu verhindern | Feste/maschige Schutzeinrichtungen, Öffnungen, Abstände, Übergreifschutz |
| EN ISO 13855 | Positionierung von Schutzeinrichtungen in Bezug auf Annäherungsgeschwindigkeiten des menschlichen Körpers | Lichtvorhänge, Laserscanner, druckempfindliche Matten |
| EN ISO 13854 | Sicherheit von Maschinen | Mindestabstände zur Vermeidung des Quetschens von Körperteilen
Hinweis: In Österreich sind diese als ÖNORM EN ISO bzw. ÖNORM EN verfügbar. Sie spiegeln den Stand der Technik wider.
Risiko und Ziel
- Risiken: Hinein- und Übergreifen zu bewegten Teilen, Quetsch-, Scher- und Stoßstellen; Umgehen von Schutzeinrichtungen; Restgefahren beim Stillsetzen.
- Ziel: So dimensionierte und positionierte Schutzeinrichtungen, dass ein Erreichen der Gefahrstelle vor Gefahrenfreistellung bzw. Stillstand ausgeschlossen ist. ✅
Vorgehen zur Festlegung von Sicherheitsabständen
1) Gefährdung und Nutzergruppe definieren
– Welche Körperteile können die Gefahrstelle erreichen (Finger, Hand, Arm, ganzer Körper)?
– Erreichen durch Öffnungen, Übergreifen/Untergreifen, Unterkriechen/Übersteigen?
– Wer nutzt die Anlage (Erwachsene; besondere Nutzergruppen erfordern gesonderte Betrachtung)?
2) Schutzeinrichtung auswählen
– Trennend fest (z.B. Schutzzaun, Verkleidung) oder trennend beweglich mit Verriegelung.
– Berührungslos wirkend (z.B. Lichtvorhang, Laserscanner) oder druckempfindlich (Trittmatte).
– Ergänzend: Konstruktive Maßnahmen zur Beseitigung von Quetsch-/Scherstellen.
3) Sicherheitsabstand bestimmen – normkonform
A) Feste/maschige Schutzeinrichtungen (EN ISO 13857)
– Öffnungen: Mindestabstände zur Gefahrstelle anhand von Tabellen festlegen (Öffnungsgröße, Form, Orientierung).
– Übergreifen: Schutzzaunhöhe und horizontaler Abstand so wählen, dass ein Übergreifen/Untergreifen nach Tabellenwerten ausgeschlossen ist.
– Fuß- und Aufstiegshilfen verhindern: Keine Tritte, Streben oder angrenzende Bauteile, die das Übersteigen erleichtern.
– Schnittstellen (z.B. Materialdurchführungen) gesondert bewerten und ggf. mit zusätzlichen Abschirmungen ausführen.
B) Berührungslos wirkende/druckempfindliche Schutzeinrichtungen (EN ISO 13855)
– Grundprinzip: Sicherheitsabstand S aus Annäherungsgeschwindigkeit, Gesamtauslöse-/Abschalt-/Stillstandszeit und einem Zusatzabstand ermitteln.
– Formel: S = K × T + C
– K: Annäherungsgeschwindigkeit des Körperteils (normativ festgelegt, abhängig vom Szenario).
– T: Gesamtzeit vom Ansprechen der Schutzeinrichtung bis zum Stillstand der gefährdenden Bewegung (inkl. Schalt- und Maschinen-Stoppzeit).
– C: Zusatzabstand abhängig von Auflösung/Orientierung (z.B. vertikal/horizontal), um Eindringtiefen zu berücksichtigen.
– Besondere Fälle: Schräg montierte Sensoren, bodennahe Absicherung, Abtasteigenschaften und Aufstellumgebung sind normgemäß zu berücksichtigen.
C) Mindestspalte gegen Quetschen (EN ISO 13854)
– Zwischen bewegten und ruhenden Teilen Mindestspalte so wählen, dass Körperteile nicht eingeklemmt werden können; Werte werden tabellarisch für Finger, Hand, Arm etc. vorgegeben.
– Wo Mindestspalte konstruktiv nicht erreichbar sind, sind trennende Schutzeinrichtungen erforderlich.
4) Mechanische Ausführung, Integration und Umgehungsschutz
– Schutzwände und Verkleidungen müssen mechanisch ausreichend widerstandsfähig sein; Befestigungen so ausführen, dass der berechnete Abstand dauerhaft eingehalten wird.
– Umgehung verhindern: Schutzeinrichtungen so positionieren, dass Unterkriechen, Übersteigen, Umgreifen oder Umgehen (z.B. durch Spiegelungen, Reflektionen bei Sensoren) normkonform ausgeschlossen wird.
– Zugangstechnik: Verriegelte Schutztüren mit angemessener Zuhaltung, wo Nachlaufzeiten dies erfordern.
5) Dokumentation und Kennzeichnung
– Berechnungen, Tabellenreferenzen, Stoppzeitmessungen, Aufstellmaße und Validierung nachvollziehbar dokumentieren.
– Schutzeinrichtungen eindeutig kennzeichnen (z.B. Sicherheitsfunktion, Prüfpunkte, Not-Halt-Bereiche).
Prüfungen und Kompetenzen
- Ermittlung der Stoppzeit: Messung mit geeignetem Messgerät (Stopptime-Meter) nach Umbauten, bei Änderungen der Steuerung/Antriebe und im Rahmen des Instandhaltungsplans.
- Funktionsprüfung der Schutzeinrichtungen: Auslösung, Reaktionszeit, Reichweite/Abdeckungsgrad, Manipulationssicherheit.
- Maßprüfung: Einhalten der festgelegten Abstände, Höhen, Öffnungen und Montagepositionen, inkl. Umgebungsfaktoren (Bodenaufbauten, Rampen, Stufen).
- Fachkunde: Normenkenntnis (EN ISO 13857, EN ISO 13855, EN ISO 13854; ergänzend z.B. EN ISO 14119/14120), Steuerungs- und Antriebstechnik, Messtechnik, Anthropometrie. Verantwortliche sollten Risiken bewerten, Berechnungen durchführen und Ergebnisse validieren können.
Praxis-Tipps
- Frühzeitig planen: Sicherheitsabstände in der Konstruktion vorsehen; spätere Nachrüstungen sind teurer.
- Kleine Öffnungen wirken doppelt: Sie erschweren das Greifen und erlauben geringere Abstände – aber nur im Normrahmen.
- Reserve einplanen: Mechanische Toleranzen, Nachlaufstreuungen und Verschleiß berücksichtigen – keine „Kante auf Kante“-Auslegung.
- Umgebungswechsel beachten: Bodenbeläge, Paletten, mobile Arbeitsmittel können Abstände faktisch verkürzen – räumlich absichern oder organisatorisch verhindern.
- Änderungen managen: Jede Änderung, die Stoppzeiten oder Geometrie beeinflusst, erfordert eine erneute Bewertung und Dokumentation.
- Schulung und Akzeptanz: Bediener unterweisen, warum Abstände wichtig sind; Manipulationsanreize (z.B. zu lange Wege) durch gute Ergonomie reduzieren. 🛡️
Häufige Fehler – und wie man sie vermeidet
- Nur „ab Zaun messen“ statt bis zur Gefahrstelle: Immer die gefährdende Bewegung als Referenz nehmen.
- Unterschätzte Nachlaufzeiten: Messen statt schätzen; T umfasst alle beteiligten Komponenten.
- Montageänderungen ohne Re-Bewertung: Schon wenige Zentimeter können die Schutzwirkung aufheben.
- Unbeabsichtigte Aufstiegshilfen: Quertraversen, Boxen, Leitern – organisatorisch und technisch ausschließen.
AT-Kontext kurz
In Österreich werden die oben genannten EN/ISO-Normen als ÖNORM EN ISO bzw. ÖNORM EN geführt und entsprechen dem Stand der Technik. Für den sicheren Betrieb von Arbeitsmitteln ist die normkonforme Festlegung der Sicherheitsabstände ein wesentlicher Baustein der betrieblichen Sicherheitsorganisation und der technischen Schutzmaßnahmen.
Quellen
– ÖNORM EN ISO 13857: Sicherheit von Maschinen – Sicherheitsabstände gegen das Erreichen von Gefährdungsbereichen mit den oberen und unteren Gliedmaßen (Stand: 2019), ISO/EN
– ÖNORM EN ISO 13855: Sicherheit von Maschinen – Anordnung von Schutzeinrichtungen in Bezug auf die Annäherungsgeschwindigkeiten von Körperteilen (Stand: 2010), ISO/EN
– ÖNORM EN EN ISO 13854: Sicherheit von Maschinen – Mindestabstände zur Vermeidung des Quetschens von Körperteilen (Ausgabedatum: 2020 01 01), ISO/EN
– Arbeitsinspektion: Maschinen und Arbeitsmittel – Verwendung (Stand: 2024), arbeitsinspektion.gv.at
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