Wie man mit einfachen Mitteln StillstÀnde sichtbar macht

📊 Wie man mit einfachen Mitteln StillstĂ€nde sichtbar macht

StillstĂ€nde „fĂŒhlen“ sich im Alltag oft klar an: „Die Maschine steht dauernd“, „Wir kommen nicht auf Takt“. Ohne Zahlen bleibt das aber subjektiv. Wer Entscheidungen ĂŒber Investitionen, Personal oder Instandhaltung treffen muss, braucht eine nĂŒchterne Sicht auf die RealitĂ€t: Wann steht was, wie lange, warum – und mit welchem Effekt auf den Durchsatz?

Mit wenigen, einfachen Mitteln – einer strukturierten Erfassung auf Papier oder in einer Tabellenkalkulation, ergĂ€nzt um etwas Auswertung (zum Beispiel mit Python) – lĂ€sst sich bereits sehr viel Transparenz schaffen. Man muss dafĂŒr weder ein komplexes Manufacturing Execution System (MES) einfĂŒhren noch die ganze Produktion vernetzen. 🚩

Use-Case: „Wir liefern, aber wir wissen nicht, warum es hakt“

Typische Ausgangslage in kleinen und mittleren Unternehmen:

  • Die OEE-Auswertung (GesamtanlageneffektivitĂ€t, englisch Overall Equipment Effectiveness) aus dem ERP-System bildet StillstĂ€nde nur grob ab.
  • Die Mitarbeitenden melden „Störungen“ in Sammelkategorien (zum Beispiel „technische Störung“, „Material fehlt“), die fĂŒr Ursachenanalysen zu grob sind.
  • Es gibt Diskussionen zwischen Produktion, Instandhaltung und Arbeitsvorbereitung, wer welchen Anteil an den StillstĂ€nden „verursacht“.
  • Investitionen (neuer Puffer, zusĂ€tzliche Schicht, neue Maschine) werden nach BauchgefĂŒhl diskutiert, weil es keine belastbaren Daten gibt.

Ziel: Mit geringem Aufwand eine verlÀssliche, objektive Datengrundlage schaffen, um:

  • die tatsĂ€chlich verfĂŒgbare Laufzeit pro Schicht zu kennen,
  • die wichtigsten Stillstandsarten und -ursachen zu identifizieren,
  • EngpĂ€sse und Verbesserungshebel sichtbar zu machen,
  • erste Auswertungen automatisiert und wiederholbar zu fahren.

Welche Kennzahlen und Datenpunkte sind wirklich nötig?

Um StillstÀnde sichtbar zu machen, reicht ein schlanker Datensatz. Entscheidend ist, konsequent und einheitlich zu erfassen.

Zentrale GrĂ¶ĂŸen

  1. Geplante VerfĂŒgbarkeitszeit
    Zeit, in der die Anlage laut Planung produzieren soll (zum Beispiel Schichtbeginn bis -ende abzĂŒglich fixer Pausen).

  2. TatsÀchliche Laufzeit
    Zeitraum, in dem die Maschine tatsĂ€chlich produziert (WerkstĂŒckbearbeitung, Taktzeit lĂ€uft).

  3. Stillstandszeit
    Summe aller ZeitrÀume, in denen die Maschine nicht produziert, obwohl sie laut Planung laufen sollte.

  4. Feinere Stillstandskategorien
    Beispielhafte Struktur (orientiert an ISO 22400 fĂŒr Kennzahlen in der Fertigung):

  5. Kategorie A – geplante NichtverfĂŒgbarkeit (zum Beispiel RĂŒsten, geplante Wartung, Schulung)

  6. Kategorie B – technische Störungen (zum Beispiel mechanischer Defekt, Sensorfehler)
  7. Kategorie C – logistische Ursachen (zum Beispiel Material fehlt, falsches Material, kein Transportmittel)
  8. Kategorie D – organisatorische Ursachen (zum Beispiel Freigabe fehlt, Programmierung nicht abgeschlossen)
  9. Kategorie E – QualitĂ€tsbedingte Ursachen (zum Beispiel Nacharbeit, Ausschussanalyse)

Diese Struktur ist bewusst grob gehalten und kann im Zeitverlauf angepasst oder verfeinert werden.

  1. ZĂ€hlerstĂ€nde und StĂŒckzahlen (falls verfĂŒgbar)
  2. Gefertigte Gutteile
  3. Ausschussteile
  4. Start- und EndzÀhler pro Schicht

Damit lassen sich bereits zentrale Kennzahlen wie VerfĂŒgbarkeitsgrad, Leistungsgrad und QualitĂ€tsgrad ermitteln, die spĂ€ter in eine GesamtanlageneffektivitĂ€t (OEE) einfließen können (siehe ISO 22400-2).

Einfache Methodik: Von der Strichliste zum Datensatz

Schritt 1: Minimal standardisiertes Erfassungsblatt

Starten Sie mit einem einseitigen A4-Blatt (oder einem einfachen Tabellenblatt), das pro Schicht verwendet wird. Wichtige Elemente:

  • Maschinennummer / Anlagenteil
  • Datum, Schicht, Bediener
  • Geplante Laufzeit laut Arbeitsplan
  • Tabelle fĂŒr Ereignisse:

| Uhrzeit von | Uhrzeit bis | Art (Lauf / Stopp) | Kategorie | Kurzgrund | Bemerkung |
|————|————-|———————|———–|———–|———–|
| 06:45 | 07:20 | Stopp | B | Sensor | Sensor X2 keine RĂŒckmeldung |
| 07:20 | 09:10 | Lauf | – | – | – |

Wichtig:
– Nur eine Kategorie pro Ereignis.
– Keine freien Formulierungen als alleinige Information („war irgendwas“), sondern zumindest eine Zuordnung zu A–E plus ein kurzer Klartext.

FĂŒr den Anfang genĂŒgt es, nur StillstĂ€nde > 2 oder 3 Minuten zu erfassen, um die Erfassungsarbeit zu begrenzen. Mikrostopps können spĂ€ter ergĂ€nzt werden, wenn nötig.

Schritt 2: Digitalisierung mit Tabellenkalkulation oder Python

Die ErfassungsblÀtter werden am Ende der Schicht:

  • entweder direkt digital ausgefĂŒllt (zum Beispiel auf einem Industrie-Tablet),
  • oder eingescannt und von einer Person in eine einfache Tabelle ĂŒbertragen.

Struktur der digitalen Tabelle (Beispiel):

| Datum | Schicht | Maschine | Start | Ende | Lauf_Stopp | Kategorie | Grund |
|———–|———|———-|———–|———–|———–|———–|———–|
| 2025-01-15 | FrĂŒh | M1 | 06:45:00 | 07:20:00 | Stopp | B | Sensor X2 |
| 2025-01-15 | FrĂŒh | M1 | 07:20:00 | 09:10:00 | Lauf | – | – |

Mit wenigen Zeilen Python lassen sich daraus bereits die Stillstandsminuten pro Schicht und Kategorie berechnen, zum Beispiel:

  • Summe Stillstand gesamt (in Minuten)
  • Summe pro Kategorie
  • Anteil Stillstand an der geplanten VerfĂŒgbarkeitszeit

Schritt 3: Visualisierung – StillstĂ€nde sichtbar machen

Mit dieser Struktur können Sie drei einfache, aber sehr aussagekrÀftige Darstellungen erzeugen:

  1. Zeitstrahl pro Schicht (Gantt-Ă€hnlich)
  2. Achse X: Zeit von Schichtbeginn bis Schichtende
  3. Balken: grĂŒn = Lauf, rot = Stopp, ergĂ€nzt um Farbcodes je Kategorie
    Ergebnis: Man sieht auf einen Blick, ob viele kurze Stopps oder wenige lange AusfÀlle dominieren.

  4. Stacked Bar pro Tag oder Woche

  5. Achse X: Tag oder Woche
  6. Achse Y: Minuten Stillstand
  7. Gestapelte Anteile: Kategorien A–E
    Ergebnis: Sie erkennen den „Mix“ der Ursachen (zum Beispiel: 60 Prozent Stillstand durch Material, 25 Prozent durch Technik).

  8. Pareto-Diagramm nach Hauptursachen

  9. Sortierung der Ursachen-Kategorien nach Stillstandszeit
  10. kumulierter Anteil als Linie (80/20-Sicht)
    Ergebnis: Transparenter Fokus, bei welchen 2–3 Themen sich Verbesserungsarbeit am meisten lohnt. 🎯

Konkretes Beispiel: Engpassmaschine im Zerspanungsbetrieb

Angenommen, ein österreichischer Zerspaner hat eine Engpassmaschine (fĂŒnf-Achs-Bearbeitungszentrum), die bei Lieferterminen kritisch ist. Über vier Wochen werden auf einer FrĂŒhschicht die StillstĂ€nde erfasst.

Auswertung (stark vereinfacht):

  • Geplante VerfĂŒgbarkeitszeit pro Schicht: 480 Minuten
  • Erfasste Daten (Durchschnitt ĂŒber 20 Schichten):

| Kennzahl | Wert |
|———————————————|—————|
| Laufzeit gesamt | 330 min |
| Stillstand gesamt | 150 min |
| Davon Kategorie A (geplant, RĂŒsten) | 40 min |
| Davon Kategorie B (technische Störungen) | 25 min |
| Davon Kategorie C (Material fehlt) | 65 min |
| Davon Kategorie D (Freigabe, Programm etc.) | 15 min |
| Davon Kategorie E (QualitÀt) | 5 min |

Interpretation:

  • VerfĂŒgbarkeit (vereinfacht, ohne weitere OEE-Komponenten) ≈ 330 / 480 ≈ 69 Prozent.
  • Der grĂ¶ĂŸte Block ist nicht die Technik, sondern fehlendes Material (Kategorie C).
  • Die Diskussion „wir brauchen eine neue Maschine“ wird damit hinterfragt:
  • Selbst wenn die Technik alle Störungen reduzieren wĂŒrde, wĂ€ren nur 25 von 150 Minuten Stillstand betroffen.
  • Mit Materialorganisation und -bereitstellung könnte man potenziell 65 Minuten pro Schicht heben.

Mit einem einfachen Zeitstrahl fÀllt beispielsweise auf:

  • Zwischen 08:00 und 09:00 Uhr tĂŒrmen sich kurze Stopps „Material fehlt“.
  • Zwischen 06:00 und 07:00 Uhr ist die Maschine gut versorgt und lĂ€uft weitgehend durch.

Handlungsansatz: Materialbereitstellung und interne Logistik gezielt auf die Engpassmaschine ausrichten, statt zuerst in neue Technik zu investieren.

Interpretation: Vom Sichtbarmachen zum Entscheiden

1. DatengĂŒte vor Perfektion

  • Konsequenz schlĂ€gt Detailtiefe: Eine grobe, aber vollstĂ€ndige Erfassung ist wertvoller als ein perfektes Klassifikationssystem, das niemand ausfĂŒllt.
  • Techniker und Bediener sollten in die Auswahl der Kategorien eingebunden werden – dann steigen Akzeptanz und DatenqualitĂ€t.

2. Keine Schuldzuweisungen aus den Kennzahlen ableiten

Stillstandsdaten dienen der Verbesserung, nicht der Personalkontrolle. Klare Kommunikation ist entscheidend:

  • Fokus auf Anlagen und Prozesse, nicht auf Personen.
  • Ergebnisse gemeinsam betrachten (zum Beispiel „Shopfloor Meeting“), um Ursachen zu verstehen – nicht, um Verantwortliche zu suchen.

3. PrioritÀten setzen statt alles auf einmal anzugehen

Pareto-Analysen und Wochenvergleiche helfen:

  • Welche zwei Hauptursachen erklĂ€ren 60–80 Prozent der Stillstandszeit?
  • Welche Maßnahmen sind im bestehenden Rahmen kurzfristig möglich (zum Beispiel geĂ€nderte Materialbereitstellung, einfachere RĂŒsthilfen, Checklisten vor Schichtstart)?

Die Kennzahlen ersetzen nicht die technische Analyse vor Ort, sie lenken sie.

Handlungsempfehlungen fĂŒr den Einstieg in KMU

1. Start auf einer kritischen Anlage

  • WĂ€hlen Sie eine Anlage mit erkennbarem Engpasscharakter (zum Beispiel höchste Auslastung, lĂ€ngste Durchlaufzeit oder besonders wichtig fĂŒr Liefertermine).
  • Definieren Sie eine Pilotlaufzeit von vier bis acht Wochen fĂŒr die strukturierte Stillstandserfassung.

2. Gemeinsamer Katalog fĂŒr Stillstandsarten

  • Entwickeln Sie zusammen mit Bedienern, Instandhaltung und Fertigungssteuerung einen einfachen Katalog (5–10 Kategorien).
  • Dokumentieren Sie diese auf dem Erfassungsblatt oder im digitalen Formular.

3. Einfache Auswertung sicherstellen

  • Nutzen Sie vorhandene Werkzeuge: Tabellenkalkulation, Business-Intelligence-Tool oder eine schlanke Python-Auswertung.
  • Standardberichte etablieren:
  • WochenĂŒbersicht Stillstand nach Kategorie
  • Top-5-Ursachen des Monats
  • Zeitstrahl mit Lauf/Stopp pro Schicht

4. Kennzahlen in den Regelkreis integrieren

  • Besprechen Sie die Stillstands-Auswertungen regelmĂ€ĂŸig in Technik- und Produktionsrunden.
  • VerknĂŒpfen Sie technische Maßnahmen mit klaren Vorher-Nachher-Vergleichen:
  • Beispielsweise: „Neue Materialbereitstellungslogik ab KW 20 – Stillstand durch Material in KW 17–19 vs. KW 20–22“.

5. Schrittweise Automatisierung denken

Erst wenn die manuelle Erfassung und Auswertung funktioniert, lohnt sich:

  • NachrĂŒsten von Signalerfassung (zum Beispiel digitale EingĂ€nge an der Maschine, einfache Datenerfassung mit Industrie-PC),
  • automatisches Starten und Stoppen von Zeitstempeln (Signalkontakt „Maschine lĂ€uft“),
  • direkte Übergabe in Datenbanken oder Analyseumgebungen.

Die Regeln und Kategorien bleiben gleich – nur die Datenerhebung wird robuster und schneller. So wĂ€chst ein Datenfundament, das spĂ€ter auch fĂŒr komplexere Kennzahlen (zum Beispiel vollstĂ€ndige OEE, Energieeffizienz pro Einheit) nutzbar ist.

Fazit: StillstĂ€nde sichtbar machen, bevor man groß digitalisiert

Mit einem klaren Fokus (eine Anlage), einem einfachen Erfassungsblatt und ein wenig Auswertung entstehen in kurzer Zeit belastbare Erkenntnisse:

  • Wo geht Zeit verloren?
  • Welche Stillstandsarten dominieren wirklich?
  • Welche Hebel haben die grĂ¶ĂŸte Wirkung auf Durchsatz und Termintreue?

Erst wenn diese Grundlagen stehen, lohnt es sich, ĂŒber komplexere Digitalisierungsprojekte zu sprechen. DatenMitDenken heißt hier: mit ĂŒberschaubarem Aufwand starten, systematisch vorgehen und erst danach automatisieren.

Wenn Sie möchten, können wir gemeinsam durchspielen, wie so ein Stillstands-Erfassungsblatt fĂŒr Ihren konkreten Prozess aussehen wĂŒrde – inklusive Beispielauswertung.

Quellen (Auswahl)
– ISO 22400-2:2014 – Automation systems and integration – Key performance indicators (KPI) for manufacturing operations management – Part 2
– Nakajima, S. (1988): Introduction to Total Productive Maintenance. Productivity Press
– Muchiri, P., Pintelon, L. (2008): Performance measurement using Overall Equipment Effectiveness (OEE). International Journal of Production Research

Wenn Sie UnterstĂŒtzung beim Aufsetzen einer schlanken Stillstandserfassung oder bei der Auswertung (zum Beispiel mit Python) wĂŒnschen, melden Sie sich einfach – und stellen Sie gern konkrete RĂŒckfragen zu Ihrem Anwendungsfall.

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