Produktivität vs. Qualität – ein Zielkonflikt?

💼 Produktivität vs. Qualität – ein Zielkonflikt?

Produktivität und Qualität werden in der Praxis häufig als Gegenspieler wahrgenommen: Mehr Output, mehr Umsatz – aber mit der Gefahr von Ausschuss, Reklamationen und Nacharbeit. Umgekehrt scheint hohe Qualität oft mit langsamen, „teuren“ Prozessen verbunden. In reifen Produktions- und Serviceorganisationen zeigt sich jedoch: Der Zielkonflikt ist nur dann real, wenn Prozesse und Steuerungsgrößen falsch gestaltet sind. Richtig aufgesetzt verstärken sich Produktivität und Qualität gegenseitig.

Business-Ziel: Wirtschaftlich wachsen ohne Qualitätsabstriche

Für technische Führungskräfte und Betriebsleitungen lautet das strategische Ziel meist:
– Kapazität nutzen oder ausbauen
– Liefertermintreue sichern
– Qualitätskosten senken
– Cashflow und Ergebnis stabilisieren

Der „Fehler im System“ entsteht, wenn Produktivität ausschließlich über Mengenkennzahlen (Stück pro Stunde, ausgelastete Maschinenstunden) getrieben wird, ohne Qualitäts- und Prozessverluste vollständig einzupreisen. Dann werden Fehler effizient produziert.

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist relevant:
Produktive Stunden sind nur jene, die zu spezifikationskonformen, verkaufbaren Einheiten führen.
Qualitätskosten (Ausschuss, Nacharbeit, Gewährleistung, Rückrufe, Image) sind Teil der Herstellkosten und der Risikoposition des Unternehmens.
Kapitalbindung steigt stark an, wenn Nacharbeit oder Reklamationen die Durchlaufzeit erhöhen.

Die zentrale Steuerungsfrage lautet daher: Wie lässt sich der Durchsatz pro wertschöpfender Ressource steigern, während Fehlerwahrscheinlichkeit und Qualitätsrisiko systematisch sinken?

Technische Hebel: Qualität in den Prozess integrieren

1. Prozessstabilität als Basis: Von „Speed“ zu „Capability“

Ein stabiler, fähiger Prozess ist die Voraussetzung dafür, dass höhere Geschwindigkeiten nicht in steigenden Ausschuss umschlagen. Schlüsselbegriffe:
Prozessfähigkeit (Cp, Cpk): Verhältnis von Toleranzbreite zur realen Streuung. Ein Prozess mit Cpk ≥ 1,33 gilt in vielen Branchen als solide Grundlage für Serienproduktion.
Statistische Prozesslenkung (SPC): Laufende Auswertung von Prozessdaten (z.B. Dimensionen, Temperaturen, Zeiten), um Trends und Abweichungen vor Grenzwertverletzungen zu erkennen.

In der Praxis bedeutet das:
– Vor einer Takterhöhung wird die Prozessfähigkeit gemessen und verbessert (z.B. durch robuste Werkzeuge, stabilere Rohmaterialqualität, automatisierte Parametereinstellung).
– Für kritische Merkmale werden Regelkarten eingesetzt; Bediener erhalten klare Eingriffsregeln, bevor Ausschuss entsteht.

Ergebnis: Mehr Output bei gleichbleibender oder besserer Qualität, weil die Streuung im Griff ist und der „Kostenblock Ausschuss“ begrenzt wird.

2. Automatisierte Prüfungen: 100-Prozent-Kontrolle dort, wo sie wirtschaftlich ist

Klassische Endkontrolle mit Stichproben stößt an Grenzen, wenn Taktzeiten hoch sind oder die Fehlerfolgekosten sehr groß sind (zum Beispiel sicherheitsrelevante Komponenten). Technischer Hebel:
Inline-Mess- und Prüfsysteme (Kamerasysteme, Laserscanner, Kraft-Weg-Überwachung, Funktionsprüfstände) direkt in der Linie.
Fehlerschwere-abhängige Prüftiefe (orientiert an Methoden wie Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse – FMEA): Hohe Risikoprioritätszahlen rechtfertigen höhere Prüftiefe.

Wirtschaftliche Wirkung:
– Senkung der internen Fehlerkosten (Nacharbeit, Ausschuss) durch frühzeitige Erkennung.
– Reduktion externer Fehlerkosten (Reklamationen, Haftungsrisiko, Rückrufaktionen).
– Höhere Prozesssicherheit ermöglicht eine aggressivere Taktgestaltung, weil das Risiko unentdeckter Fehlteile sinkt.

3. Automatisierung und Digitalisierung: Produktivität ohne Blindflug

Automatisierungslösungen entfalten ihre Wirkung erst dann voll, wenn produktions- und qualitätsrelevante Daten strukturiert genutzt werden:
Maschinendaten und Qualitätsdaten verknüpfen (Manufacturing Execution System, Qualitätsmanagementsystem): Welche Parameterkonstellationen führen zu Fehlern?
Ursachenanalyse mit Daten (z.B. Pareto-Auswertungen, Korrelationsanalysen, Prozess-Mining): Systematische Identifikation der „Top-Fehlerquellen“.
Rückverfolgbarkeit (Traceability): Eindeutige Zuordnung von Chargen, Parametern und Prüfresultaten zu jeder Einheit oder Losgröße.

Mit solchen Systemen können Produktionsverantwortliche:
– „Schnelle Läufer“ identifizieren, bei denen eine Erhöhung der Taktzahl wirtschaftlich ist.
– „Problemzonen“ gezielt ansteuern, anstatt flächendeckend Puffer und Reserven einzubauen.

Ergebnis:
Höhere Gesamtanlageneffektivität (OEE), weil Stillstände und Qualitätsverluste gesenkt werden.
– Bessere Entscheidungsgrundlagen für Investitionen in Engpassanlagen oder qualitätsrelevante Upgrades.

4. Standardisierte Arbeit und Qualifikation: Menschliche Varianz reduzieren

Selbst in hochtechnisierten Umgebungen bleibt der Mensch ein zentraler Faktor. Produktivität und Qualität verschlechtern sich, wenn Abläufe personenabhängig sind. Hebel:
Standardisierte Arbeitsschritte mit klar definierten Soll-Zeiten und Qualitätsmerkmalen.
Visuelle Arbeitsanweisungen (Fotos, Piktogramme, Prüfkarten an der Station).
Qualifikationsmatrizen: Transparenz, welche Personen welche Tätigkeiten sicher beherrschen.

Praxiswirkung:
– Verringerung der Streuung zwischen Schichten und Bedienern.
– Schnellere Einarbeitung, weniger Lernfehler.
– Stabilere Prozesszeiten – Voraussetzung für belastbare Kapazitätsplanung.

5. Fehlervermeidung statt Fehlerentdeckung: Poka Yoke und robuste Konstruktion

Jeder Schritt, der Fehler physikalisch oder logisch unmöglich macht, entlastet sowohl Qualitätssicherung als auch operative Führung. Beispiele:
Poka Yoke: Asymmetrische Konturen, Stecker mit Kodierung, feste Montagepositionen, Montagelehren.
Robuste Konstruktion und Toleranzmanagement: Bauteilgeometrie und Toleranzketten so gestalten, dass unvermeidliche Streuung in Fertigung und Einsatzbedingungen aufgefangen wird.

Wirtschaftliche Effekte:
– Reduktion der Prüfaufwände bei gleichzeitiger Qualitätssteigerung.
– Weniger Nacharbeit und Ausschuss.
– Besser planbare Durchlaufzeiten, weil Fehler nicht „spät“ im Prozess auftreten.

Wirtschaftliche Wirkung: Kostenstruktur und Risiko verschieben sich

Durch Integration von Qualität in den Prozess verändert sich die Kostenstruktur:
Direkte Fertigungskosten können zunächst leicht steigen (zusätzliche Sensorik, Prüfschritte, Engineering-Aufwand).
Qualitätskosten (Fehler intern und extern) sinken deutlich, oft überproportional.
Kapazität wird produktiver, weil weniger Zeit für Nacharbeit, Umrüstungen und Störungen verloren geht.

Für Controller und Betriebsführung ist entscheidend, diese Effekte in Zahlen zu fassen:

| Kennzahl | Typische Fehlsteuerung | Integrierter Ansatz Produktivität–Qualität |
|——————————|————————————————–|———————————————————|
| Ausbringung (Stück/Tag) | Maximierung ohne Ausschusskorrektur | Netto-Output verkaufsfähiger Einheiten |
| Ausschussquote (%) | Nachlaufende Kennzahl, selten entscheidungsrelevant | Früher Warnindikator, eng mit Prozessparametern verknüpft |
| Durchlaufzeit | Unterschätzt (Nacharbeit nicht berücksichtigt) | Vollkosten- und kapitalbindungsrelevant |
| Gesamtanlageneffektivität | Fokus auf Verfügbarkeit und Leistung | Qualitätsverluste explizit berücksichtigt |
| Qualitätskosten in % vom Umsatz | Selten transparent, oft unter „Sonstiges“ | Getrennte Ausweisung interner und externer Fehlerkosten |

Wird Produktivität so definiert, dass sie nur fehlerfreie, termin- und spezifikationskonforme Einheiten zählt, verschwindet der vermeintliche Zielkonflikt weitgehend: Qualität wird zu einer produktivitätssteigernden Investition.

Umsetzung: Vom Spannungsfeld zur gemeinsamen Kennzahlenlogik

1. Gemeinsames Zielsystem definieren

Um die typische Trennung „Produktionsleistung“ vs. „Qualitätsziele“ aufzulösen, braucht es ein harmonisiertes Kennzahlensystem:
Verantwortlichkeiten klären: Linie, Instandhaltung, Qualität und Controlling definieren gemeinsam wenige Kernkennzahlen.
Zielkonflikte offenlegen: Beispiel: Schichtbonus nur auf Stückzahl führt zu systematischem Druck gegen Qualitätsvorgaben.
Anreizsysteme ausrichten: Leistungsprämien an Netto-Output und Qualitätskennzahlen koppeln, nicht nur an Brutto-Stückzahlen.

2. Technische Roadmap festlegen

Statt punktueller Einzelmaßnahmen empfiehlt sich eine abgestufte Vorgehensweise:
1. Bestandsaufnahme Prozess- und Qualitätsdaten: Welche Daten liegen vor, welche Lücken gibt es?
2. Quick Wins: Einfach umsetzbare Maßnahmen mit klarer Wirtschaftlichkeit (zum Beispiel zusätzliche Sensorik an bekannten Fehlerstellen, Anpassung von Prüfplänen, verbesserte Arbeitsanweisungen).
3. Systematische Prozessanalyse (zum Beispiel Wertstromanalyse mit Qualitätsfokus, Fehlerkostenanalyse): Identifikation der Engpässe, die sowohl Produktivität als auch Qualität einschränken.
4. Investitionsentscheidungen: Automatisierungs- und Messtechnik-Projekte mit klarer Nutzenrechnung (Verringerung Fehlerkosten, Steigerung Netto-Output, Reduktion Durchlaufzeit).

3. Controlling und kontinuierliche Verbesserung verankern

Für österreichische Unternehmen ist wichtig: Gesetzliche Mindestvorgaben (zum Beispiel in Arbeits- und Produktsicherheit, Mess- und Prüfwesen, Normenanforderungen) definieren den Rahmen; darüber hinaus geht es um Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit.

Praktischer Ansatz im Controlling:
Fehlerkostenrechnung: Trennung in interne und externe Fehlerkosten, Präventionskosten und Prüfkosten.
Projektcontrolling für Verbesserungsmaßnahmen: Messbare Sollgrößen (zum Beispiel Reduktion Ausschuss um x Prozentpunkte, Verkürzung Durchlaufzeit, Erhöhung Gesamtanlageneffektivität).
Regelkreise etablieren: Monatliche Auswertung von Produktivitäts- und Qualitätskennzahlen auf gleicher Managementebene, nicht getrennt nach „Produktion“ und „Qualität“.

Fazit: Kein Naturgesetz, sondern Gestaltungsfrage

Produktivität und Qualität stehen nicht zwangsläufig im Widerspruch. Der Zielkonflikt entsteht dort, wo:
– Produktivität isoliert als Mengenleistung ohne Qualitätskorrektur verstanden wird,
– Qualitätsmanagement als „Kontrollinstanz am Ende“ statt als Prozessbestandteil gedacht wird,
– Anreizsysteme Bruttoausbringung gegenüber Netto-Wertschöpfung bevorzugen.

Technisch gestaltete, datenbasierte Prozesse mit integrierten Prüf- und Fehlervermeidungsmechanismen ermöglichen es, beide Ziele gleichzeitig zu erreichen: mehr verkaufbarer Output, stabilere Qualität, geringere Risiken – und damit eine verbesserte Ergebnislage und Planbarkeit. 🚀

Wer betriebliche Zielsysteme, technische Hebel und Controlling konsistent ausrichtet, löst den scheinbaren Gegensatz auf: Qualität wird zum Hebel der Produktivität, nicht zu ihrem Gegner.


Quellen (Auswahl)
– Juran, J. M. / Godfrey, A. B.: Juran’s Quality Handbook, 6th Edition, 2010, McGraw-Hill.
– Montgomery, D.C.: Introduction to Statistical Quality Control, 8th Edition, 2020, Wiley.
– VDI 2870 Blatt 1:2016-02, Qualitätskosten – Grundlagen.
– ISO 9001:2015, Qualitätsmanagementsysteme – Anforderungen.

Lassen Sie uns prüfen, wo in Ihrem Betrieb Produktivitätsziele und Qualitätsanforderungen heute noch gegeneinander laufen – und wie sich das technisch und betriebswirtschaftlich auflösen lässt. Stellen Sie gerne konkrete Rückfragen oder schildern Sie eine aktuelle Situation aus Ihrem Unternehmen.

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