Rolltore und Türen – Prüfpflicht und Gefahren
Kraftbetätigte Türen und Tore bewegen große Massen mit hoher Geschwindigkeit. Ein einziger Defekt oder eine fehlerhafte Einstellung kann zu Quetsch-, Scher- oder Anprallverletzungen führen und Betriebsabläufe lahmlegen. Systematische Prüfungen und klare Zuständigkeiten sichern Menschen und Verfügbarkeit – wirtschaftlich sinnvoll und rechtlich geboten. ⚠️
Risiko/Problem: Wo Unfälle passieren
- Quetschen/Scheren an Haupt- und Nebenschließkanten, Zwischenräumen (Torblatt–Führungsschiene, Lamellen, Umlenkstellen)
- Anprall durch unkontrollierte Bewegung, zu hohe Schließkräfte oder fehlende Anwesenheitserkennung
- Absturz/Fall des Torblatts bei Seil-/Federbruch, fehlerhaften Fangvorrichtungen
- Einklemmung unter der Unterkante bei fehlender oder nicht wirksamer Sicherung
- Sicht- und Wegkonflikte (Fahrwege/Personenwege), blockierte Flucht- und Rettungswege
- Bedienfehler: unübersichtliche Bedienplätze, ungesicherte Funk- oder Schlüsselschalter
Technische Maßnahmen (Stand der Technik)
Orientierung an ÖNORM/EN sowie Herstellerangaben:
– Absicherung der Schließkanten:
– aktive Schaltleisten (druckempfindliche Kanten) mit Selbstüberwachung, oder
– berührungslose Anwesenheitserkennung (Lichtschranken/-vorhänge, Laserscanner) je nach Nutzung
– Kraft- und Geschwindigkeitsbegrenzung: Schließkräfte und Nachlaufwege gemäß EN 12453 einstellen und prüfen
– Fall- und Bruchsicherung: Fangvorrichtungen, Seil-/Kettenüberwachung, Federbruchsicherungen
– Endlagensicherungen: redundant ausgelegte Endschalter bzw. Sicherheitssteuerung
– Sicht und Steuerung:
– gute Einsicht in Fahr- und Gefahrenbereich, bei eingeschränkter Sicht: Totmann/“Hold-to-run”
– Bedienstellen so, dass der Gefahrenbereich überblickt wird; ungewollte Betätigung verhindert (Schlüsselschalter)
– Not-Halt und Notentriegelung: eindeutig gekennzeichnet, erreichbar und funktionsfähig (auch bei Netzausfall)
– Mechanik/Umgebung: Führungsschienen abgedeckt, Quetschstellen minimiert, Boden eben/vereisungsfrei; Kennzeichnung der Bewegungsbereiche
Organisation: Sichere Abläufe im Betrieb
- Verantwortung klar festlegen: Eigentümer/Betreiber benennt eine verantwortliche Person für jede Anlage
- Inventarisierung: jedes Tor/Tür mit ID, Standort, Bauart, Sicherheitsausstattung, Bau-/Inbetriebnahmedatum
- Nutzung regeln: Freihalten der Lauf- und Schutzbereiche; keine Unterfahrten, kein Mitlaufen; Fluchtwegefunktion sicherstellen
- Schlüssel/Fernbedienungen: nur an unterwiesene Personen, Ausgabe dokumentiert
- Reinigung/Wartung: nur bei gesicherter Stillsetzung (Freischalten/Sperren), Sperrung gegen Wiedereinschalten
- Änderungen und Umbauten: nur gemäß Hersteller, mit nachfolgender Prüfung vor Wiederinbetriebnahme
Prüfpflicht – was ist zu tun?
In Österreich sind kraftbetätigte Türen und Tore Arbeitsmittel. Damit gelten die Pflichten aus ASchG/AM-VO: vor erster Inbetriebnahme und wiederkehrend prüfen lassen – Umfang und Fristen nach Herstellerangaben, Normen und Nutzung.
Empfehlung für die Praxis (risikobasiert, wenn Hersteller nichts anderes vorschreibt):
– Wiederkehrende Prüfung: in der Regel mindestens jährlich; bei hoher Beanspruchung, rauer Umgebung oder sicherheitsrelevanten Mängeltrends verkürzt (z. B. halbjährlich)
– Ereignisbezogen: nach Umbauten, Unfällen/Beinaheunfällen, außergewöhnlichen Vorkommnissen (Anprall, Seil-/Federwechsel)
– Tägliche/visuelle Checks durch Benutzer: Funktion, freie Bereiche, Sensorik frei von Schmutz/Schnee
Prüfumfang und Kompetenz
Wer darf prüfen?
– Personen mit geeigneter Fachkunde für kraftbetätigte Türen/Tore: z. B. herstellerautorisierte Servicetechniker oder entsprechend ausgebildete, erfahrene Fachpersonen. Die Fachkunde ist nachweisbar (Schulung/Erfahrung).
Was ist zu prüfen? Mindestens:
– Identifikation/Übereinstimmung mit Unterlagen (CE/DoP, Typenschild, Bauart)
– Sicht- und Funktionsprüfung aller Sicherheitseinrichtungen:
– Schaltleisten, Lichtschranken/-vorhänge, Scanner (Selbsttest/Abschaltung)
– Endschalter/Endlagen, Not-Halt, Notentriegelung
– Fang- und Bruchsicherungen, Seil-/Kettenzustand, Federpakete
– Messungen/Einstellungen:
– Schließ- und Anpresskräfte, Nachlauf/Stoppstrecken gemäß Herstellervorgabe in Anlehnung an EN 12453
– Reaktionszeiten der Sensorik, Selbstüberwachung
– Elektrische/steuerungstechnische Sicherheit: Schutzart, Kabelwege, Verriegelungen, Schutzleiter/Isolationszustand (gemäß Hersteller)
– Umgebung/Integration: Freiräume, Boden, Schutzabstände, Beschilderung, Fluchtwegfunktion
Dokumentation:
– Prüfprotokoll mit Messwerten, Mängeln, Maßnahmen und Fristen
– Prüfbuch/Lebenslaufakte je Anlage (Inbetriebnahme, Wartung, Reparaturen, Ersatzteilwechsel)
– Aufbewahrung der Nachweise bis zur nächsten Prüfung und bei relevanten Mängeln länger (nach interner Regelung)
Praxis-Tipps
- Legen Sie eine risikobasierte Prüffristenmatrix an: Nutzungshäufigkeit, Umgebung (Staub, Kälte), Personenverkehr, Alter/Technologie. 🗂️
- Stellen Sie Sensorik “winterfest”: regelmäßige Reinigung, Schneeschutz, Heizungen prüfen – viele Fehlfunktionen entstehen durch verdeckte Lichtschranken.
- Führen Sie einen 30‑Sekunden‑Start‑Check ein (Sichtprüfung, Funktion von Not‑Halt/Scanner) und dokumentieren Sie Beinaheereignisse.
- Nach Ersatz von Federn/Seilen: immer Funktions- und Fangprüfung durch fachkundige Person vor Freigabe.
- Vermeiden Sie “Sonderlösungen” im Eigenbau an Steuerungen – Änderungen nur mit Herstellerfreigabe und nachfolgender Prüfung. 🛠️
Klare, gelebte Abläufe plus konsequente Prüfungen nach Stand der Technik reduzieren Unfälle und Stillstände – und sichern rechtskonformen Betrieb.
Quellen
- ÖNORM EN 13241:2016 – Industrietore, Garagentore und Schranken – Produktnorm (2016, ÖNORM/EN 13241)
- EN 12453:2017 – Industrial, commercial and garage doors and gates – Safety in use of power operated doors – Requirements (2017, EN 12453)
- EN 12635:2002+A1:2008 – Industrial, commercial and garage doors and gates – Installation and use (2008, EN 12635)
- Verordnung über die Verwendung von Arbeitsmitteln (AM-VO), BGBl. II Nr. 164/2000 idgF (RIS, ris.bka.gv.at)
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