PraxisCheck: Kalk in der Düse – wie ein Zusatzstoff alles verstopfte
Ein harmlos wirkender Prozesszusatz änderte die Wasserchemie – und in wenigen Schichten waren Sprühdüsen, Ventile und Leitungen mit Kalk belegt. Ergebnis: Qualitätsprobleme, Taktverluste, Stillstand. So gehen Sie strukturiert vor, vermeiden Wiederholungen und stabilisieren die Anlage. 🔧💧
Problem/Nutzen auf den Punkt
- Problem: Ausfällung von Calciumcarbonat (Kalk) durch Wechselwirkung von Wasserhärte, pH-Wert, Temperatur und einem neuen Zusatzstoff. Verstopfte Düsen, ungleichmäßiges Sprühbild, erhöhter Druckbedarf, mehr Ausschuss.
- Ziel/Nutzen: Schnelle Ursachenbestätigung, risikominimierte Prozessanpassung (Wasserchemie, Dosierpunkt, Filtration), wirksame Reinigung und Monitoring – ohne Trial-and-Error in der laufenden Produktion.
5 Praxisschritte
1) Schnell-Diagnose am System (2–4 h)
- Sichtprüfung: Düsenkappen abnehmen, Ablagerungen begutachten. Kalk ist hart, weißlich bis beige, reagiert mit Säure unter CO2‑Entwicklung.
- Säure-Schnelltest: Kleines Stück Belag in 10%ige Citronensäure geben. Blasenbildung bestätigt Carbonate.
- Daten erfassen: pH-Wert, Temperatur, Leitfähigkeit, Vordruck/Nachdruck, Filterdifferenzdruck, Verbrauchsmengen, Zeitpunkt der Zusatzstoff-Umstellung.
- Komponenten checken: Filtersiebe (Beschlag, Bruch), Rückschlagventile, Mischstrecke, Toträume, Düsenmaterial (z.B. Messing vs. Edelstahl).
Ergebnis: Verdacht auf Carbonatfällung erhärtet oder ausgeschlossen.
2) Wasser- und Chemieanalyse (Labor/On-Site, 1–3 Tage)
- Analysen (Rohwasser, Prozesswasser nach Dosierstelle, Rezirkulation):
- Gesamthärte (Calcium, Magnesium, als mg/L CaCO3), Alkalinität (Hydrogencarbonat), pH-Wert, Temperatur.
- Anionen/Kationen je nach Zusatz: Phosphat, Sulfat, Natrium, Kalium, organische Komplexbildner.
- Kompatibilitäts-Check Zusatzstoff:
- Beeinflusst der Zusatz pH oder Alkalinität? Enthält er Carbonate/Phosphate, die mit Calcium ausfallen können?
- Sicherheitsdatenblatt prüfen; Jar‑Test (Becherglas): Originaldosierung im Prozesswasser bei Prozesstemperatur, 30–60 min beobachten, Filtrat/Turbidität messen.
- Ausfällungsneigung berechnen:
- Langelier‑Sättigungsindex (LSI) bestimmen. Ziel: LSI ≤ 0 im relevanten Temperaturfenster, um Kalkbildung zu vermeiden.
Ergebnis: Quantifiziertes Risiko, konkrete Stellhebel (Härte, Alkalinität, pH, Temperatur, Dosierung).
3) Prozessdesign korrigieren (Engineering, 1–2 Wochen)
- Wasserbeschaffenheit steuern:
- Enthärtung (Ionentausch) oder Umkehrosmose/Demineralisierung vor dem Ansatz. Für feine Sprühprozesse oft sinnvoll: weiches Wasser (z.B. < 3–5 °dH) oder LSI ≤ 0.
- Bei Enthärtung Alkalinität im Blick behalten (pH/Carbonatsystem), sonst bleibt Ausfällungsrisiko bestehen.
- Dosier- und Mischtechnik:
- Dosierpunkt in turbulente Zone verlegen; statischen Mischer vor den Düsen vorsehen.
- Lokale Überkonzentrationen vermeiden (Bypass-Mischung, ausreichende Verweilzeit).
- Temperaturführung prüfen: Höhere Temperatur fördert Entgasung von CO2 und Kalkfällung.
- Filtration und Schutz:
- Vor den Düsen Feinfilter in passender Abstufung (z.B. 100 mesh ≈ 150 µm; je nach Düse feiner). Differenzdrucküberwachung.
- Rückspülbare Filter/Strainer installieren, Verschlammung und Toträume vermeiden.
- Materialwahl:
- Düsen- und Armaturenmaterial auf Chemikalien- und Reinigungsbeständigkeit prüfen (z.B. 1.4404/316L, PVDF). Messing kann korrodieren und Partikel freisetzen.
- Rohrleitungsführung:
- Hohe Fließgeschwindigkeiten anstreben, stehende Bereiche, Sackgassen, horizontale Taschen vermeiden. Entleermöglichkeiten vorsehen.
4) Reinigung und Instandhaltung festlegen (Standardwerk, sofort umsetzbar)
- Reinigungsstrategie:
- Cleaning‑in‑place (CIP): Entkalkung mit 3–10% Citronensäure bei 30–50 °C, dann gründlich spülen bis neutral.
- Alternativ Milchsäure/Amidosulfonsäure je nach Materialverträglichkeit. Salzsäure nur, wenn Hersteller und Werkstofffreigabe vorliegen (Lochfraßrisiko bei Edelstahl).
- Bauteilpflege:
- Düsen nicht mechanisch „aufbohren“ oder mit Draht reinigen (Geometrie ändert sich). Weiche Bürsten/Ultraschallbäder verwenden.
- Satztausch: Ersatzdüsen bereit halten, defekte nicht weiterverwenden.
- Intervalle zustandsbasiert:
- Auslöser definieren: Filter‑Δp, Düsen‑Durchflussabweichung, Sprühbild‑Inspektion. Kennzahlen in Wartungsplan.
5) Überwachen, absichern, Lernen (laufend)
- Online‑Überwachung:
- pH, Leitfähigkeit, Temperatur; optional Calcium/Alkalinität im Labortakt.
- Trend von Düsendruck/Durchfluss je Linie; Alarme bei Abweichung.
- Management of Change:
- Jede Rezept- oder Wasseränderung vorab mit Schnell‑Check (siehe Checkliste) und Freigabe (Technik/Qualität/Umwelt).
- Lieferanten einbinden:
- Zusatzstoff‑ und Düsenhersteller: Kompatibilität, empfohlene Filtergrößen, Reinigungsmittel.
- Dokumentation:
- Analysen, LSI, Reinigungen, Ausfälle, Korrekturmaßnahmen – als Basis für wiederholbare Standards.
Typische Fehler – und wie Sie sie vermeiden
- Nur Enthärtung einsetzen, aber Alkalinität/pH unbeachtet lassen → LSI bleibt positiv, Kalk fällt weiterhin aus. Lösung: LSI auf ≤ 0 trimmen (Härte, pH, Temperatur).
- Dosierstelle direkt vor den Düsen ohne Mischstrecke → lokale Übersättigung, spontane Fällung. Lösung: statischer Mischer/ausreichende Verweilstrecke.
- Zu grobe oder fehlende Feinfiltration → Partikel akkumulieren, Düsen verschleißen. Lösung: abgestufte Filtration und Δp‑Überwachung.
- Aggressive Säuren ohne Werkstofffreigabe → Materialschäden, Lochfraß. Lösung: Citronensäure bevorzugen; Freigaben beachten.
- Trial‑and‑Error an der laufenden Anlage → zusätzliche Ausschüsse. Lösung: Jar‑Tests/Pilot, dann geplanter Rollout.
Schnell-Check vor jeder Rezeptur- oder Wasseränderung
| Prüfpunkte | Ziel/Notiz |
| — | — |
| Wasseranalyse verfügbar (Härte, Alkalinität, pH, Temperatur) | Ja; LSI berechenbar |
| Langelier‑Sättigungsindex (LSI) im Betriebsfenster | ≤ 0 |
| Zusatzstoff kompatibel mit Wasserhärte | Jar‑Test ohne sichtbare Trübung/Niederschlag |
| Dosierpunkt/Mischstrecke vorhanden | Turbulent, keine Toträume |
| Filterabstufung passend zur Düse | Herstellerangaben (z.B. 100 mesh ≈ 150 µm) |
| Reinigungsprozedur freigegeben | Mittel, Konzentration, Temperatur, Spülung |
| Abwasser/Entsorgung geklärt | Neutralisation, Einleiteranforderungen betrieblich abgestimmt |
Rechtlicher Hinweis (AT)
- Arbeitnehmerschutz: Maßnahmen sind im Sinne der „allgemeinen Grundsätze der Gefahrenverhütung“ zu planen und umzusetzen, inklusive Auswahl geeigneter Arbeitsmittel, Ersatz gefährlicher Stoffe/Verfahren, Unterweisung und Wartung (ASchG § 4). Sicherheitsdatenblätter der eingesetzten Chemikalien sind zu beachten; persönliche Schutzausrüstung und sichere Handhabung sind sicherzustellen.
Gesetzliche Pflichten gehen Herstellerangaben und internen Standards stets vor. Wo konkrete Grenzwerte oder Prüfintervalle gesetzlich festgelegt sind, haben diese Vorrang.
Praxis-Tipps
- Starten Sie mit dem LSI: Ein einfacher, schneller Indikator, der die richtigen Hebel sichtbar macht.
- Setzen Sie auf Probenahme „am Ort des Geschehens“: Vor und direkt nach der Dosierstelle.
- Denken Sie an Temperaturfenster: Prüfen Sie LSI und Jar‑Tests bei minimaler und maximaler Prozesstemperatur.
- Halten Sie Ersatzdüsen und Dichtungssätze in Kanban‑Mengen vor – minimiert Stillstand.
- Dokumentieren Sie jede Änderung in einem kompakten One‑Pager (Wasser, Zusatz, LSI, Filter, Reinigung).
Quellen
- VDI 2035 Blatt 1: Vermeidung von Schäden in Warmwasser-Heizungsanlagen – Wasserbeschaffenheit (2019), vdi.de
- Spraying Systems Co.: Nozzle Maintenance and Troubleshooting Guide (2022), spray.com
- Lechler GmbH: Düsentechnik – Auslegung, Betrieb, Reinigung (Stand 2023), lechler.com
- AWWA: Water Quality and Treatment – Langelier Saturation Index Grundlagen (2011), awwa.org
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