Kein Schichtwechsel ohne Übergabe – was dann passiert
Ohne strukturierte Übergabe rutschen kritische Infos durch – mit Folgen: Qualitätsabweichungen, Sicherheitsrisiken, Fehlschaltungen, verpasste Wartungsfenster, OEE-Verluste und Mehrkosten. Eine robuste Schichtübergabe ist die günstigste “Versicherung” gegen vermeidbare Störungen. ⚠️
Problem/Nutzen auf den Punkt
- Problem: Mündliche Ad-hoc-Infos, verstreute Notizen, fehlende Priorisierung.
- Risiko: Unklare Anlagenzustände, doppelte/vergessene Maßnahmen, nicht erkannte Auflagen (LOTO, Freigaben), Eskalationen zu spät.
- Nutzen: Standardisierte Übergabe senkt Störzeiten, stabilisiert Qualität, erhöht Arbeitssicherheit – und ist auditfest (ISO 9001/45001). ✅
5 Praxisschritte für eine belastbare Schichtübergabe
1) Mindestinhalte definieren (für alle Linien/Anlagen einheitlich)
– Aktueller Anlagenstatus: Lauf/Stop/Anfahren/Abfahren, außergewöhnliche Betriebsweisen
– Sicherheit & Freigaben: LOTO, Arbeitsfreigaben, gesperrte Bereiche, offene Mängel
– Qualität: Letzte SPC-Trends, Grenzwertverletzungen, Ausschuss/Fehlerbilder
– Aufträge & Material: Auftragsstand, Umrüstungen, Materialengpässe/Chargenwechsel
– Technik: Offene Störungen, provisorische Lösungen, geplante Instandhaltungen
– Abweichungen/Maßnahmen: Was offen ist, wer verantwortlich ist, bis wann
Praxiswert: Auf eine Seite passen, harte Fakten + Priorität (A/B/C).
2) Standardform festlegen (Logbuch + Kurzgespräch)
– Digitales Schichtlogbuch (MES/CMMS/e-Log) als führendes Medium; Papier nur als Fallback.
– Kurzbriefing 10–15 Minuten im Bereich: Übergabe (abgebende Schicht) + Übernahme (annehmende Schicht) + ggf. Instandhaltung.
– Read-back-Prinzip: Empfänger wiederholt die Top-3-Risiken/Tasks in eigenen Worten.
3) Rollen, Takt, Ort klären
– Verantwortlich: Schichtleitung abgebend; Mitwirkung: Anlagenführer, QS, IH nach Bedarf.
– Fixe Zeiten (z.B. -15 min bis +5 min zur Schichtgrenze); ruhiger Ort mit Leitstanddaten.
– Keine “fliegende” Übergabe während Störungsarbeit – erst sichern, dann übergeben.
4) Visualisieren und priorisieren
– Ampel/Tags im Logbuch: Rot = sicherheitskritisch, Gelb = produktionskritisch, Grün = Info.
– Standard-Checkfelder statt Freitext (Anlagenstatus, LOTO, Qualität, Aufträge, Technik).
– Belege verlinken: Freigabedokument, MOC-/Änderungsnummer, Ticket-ID.
5) Wirksamkeit sichern
– Täglicher 5-Minuten-Review durch Schichtleitung (erledigt/offen, Eskalation).
– Wochenweiser Stichproben-Audit durch Produktion/Qualität/SHE.
– Lessons Learned bei Abweichungen ins Muster aufnehmen (PDCA).
Wenn die Übergabe ausfällt: Was dann passiert
- “Blinde” Startphase: 30–90 Minuten erhöhte Störanfälligkeit (Fehlstarts, Nacharbeit).
- Sicherheitslücken: Übersehene Sperrungen/Freigaben → gefährliche Eingriffe.
- Doppelarbeit/Stillstand: Aufgabe wird parallel oder gar nicht gemacht.
- Qualitätsdrift: Grenzwertverletzungen bleiben unbemerkt, Reklamationsrisiko steigt.
- Compliance-Risiko: Nicht belegbare Kommunikation widerspricht Systemanforderungen (ISO 9001/45001) und Arbeitnehmerschutzpflichten.
Typische Fehler – und wie man sie vermeidet
- Zu viel Freitext: Standardfelder + Drop-downs nutzen; Freitext nur für Besonderheiten.
- Unklare Prioritäten: Max. drei Top-Risiken explizit markieren und bestätigen lassen.
- Keine Belege: Freigaben/MOC/Tickets nicht verlinkt → später nicht nachvollziehbar.
- Falsches Timing: Übergabe mitten im Anfahren; besser: vorher oder nach Stabilisierung.
- Ein-Personen-Übergabe: Ohne Gegenbestätigung bleiben Missverständnisse unentdeckt.
- Parallele Schattenlisten: Ein System definieren; alles andere abschalten.
Checkliste kompakt (zum Abhaken)
| Thema | Mindeststandard | Nachweis |
|—|—|—|
| Anlagenstatus | Mode + besondere Betriebsweisen dokumentiert | Logbucheintrag |
| Sicherheit | LOTO/Freigaben/Sperrungen aktualisiert, Top-Risiken markiert | Link zu Freigabe/MOC |
| Qualität | Letzte Prüfwerte/SPC, Abweichungen, Maßnahmen | Prüfprotokoll/Charge |
| Aufträge/Material | Nächste Aufträge, Umrüstung, Engpässe | Auftrags-/Lagerview |
| Technik | Offene Störungen, Palliativmaßnahmen, geplante IH | Ticket-/WO-Nummer |
| Maßnahmen | Wer macht was bis wann (Owner/Deadline) | To-do im System |
| Read-back | Gegenbestätigung erfolgt | Häkchen/Signatur |
Hinweis AT: Eine funktionsfähige Schichtkommunikation unterstützt die Pflichten aus dem ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (Information/Unterweisung). In Managementsystemen ist sie gelebte Anforderung an wirksame Kommunikation und Steuerung von Änderungen (ISO 9001, ISO 45001). 🧭
Quellen
– Guidance on effective shift handover, logging and shift communication (2019), Energy Institute, energyinst.org
– ISO 9001:2015 – Qualitätsmanagementsysteme – Anforderungen (2015), ISO
– ISO 45001:2018 – Managementsysteme für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit – Anforderungen (2018), ISO
– ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG), konsolidierte Fassung 2024, ris.bka.gv.at
Jetzt umsetzen: Übergabemuster festlegen, 2-Wochen-Pilot fahren, dann im gesamten Bereich ausrollen. Benötigen Sie eine Vorlage oder einen schnellen Audit-Check Ihrer Übergaben? Melden Sie sich – wir beantworten gerne alle Fragen.
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