Instandhaltung ist kein Kostenblock, sondern ein Stellhebel für Wettbewerbsfähigkeit: Wer Ausfälle planbar macht, bindet weniger Kapital, steigert den Durchsatz und senkt Risiko. Der Schlüssel liegt in der Verzahnung von Kostenrechnung und Instandhaltungsstrategie. 📊⚙️
Business-Ziel: Verfügbarkeit sichern, Kapital binden, Risiken begrenzen
- Zielkorridor definieren: Welche Anlagen müssen zu welchen Zeitpunkten mit welchem Servicegrad laufen? Welche Ausfallarten sind akzeptabel?
- Wirtschaftliche Leitplanken: Minimierung der Gesamtkosten über den Lebenszyklus (Total Cost of Ownership), Begrenzung von Stillstandrisiken, gezielte Steuerung von Betriebsausgaben versus Investitionen.
- Messbare Wirkung: Beitrag zur Gesamtanlageneffektivität (Gesamtanlageneffektivität (OEE)), Planbarkeit von Stillständen, Bestand an Ersatzteilen und gebundenes Working Capital, Sicherheits- und Compliance-Risiken.
Technische Hebel der Instandhaltungsstrategie
Strategieportfolio richtig wählen
- Reaktiv (Run-to-Failure): gezielt bei niedriger Kritikalität und geringen Folgekosten.
- Vorbeugend (zeit- oder nutzungsbasiert): bewährt bei verschleißdominierten Komponenten.
- Zustandsorientiert: Sensorik, Öl- und Schwingungsanalysen; Eingriffe bei Grenzwertüberschreitung.
- Vorausschauend (datengetrieben): Modelle erkennen Frühindikatoren und prognostizieren Ausfälle.
- Zuverlässigkeitszentriert (Reliability-Centered Maintenance (RCM)): systematische Ableitung von Maßnahmen aus Funktions- und Ausfallanalysen.
- Ganzheitlich produktionsnah (Total Productive Maintenance (TPM)): Instandhaltung als Querschnittsaufgabe bis an die Linie.
| Strategie | Kostenprofil (kurzfristig) | Risikoauswirkung | Geeignete Einsatzfälle |
|—————————|—————————————-|—————————————|—————————————————-|
| Reaktiv | geringe Planungskosten, hohe Folgekosten | hohe Stillstands- und Qualitätsrisiken | unkritische, kostengünstig austauschbare Teile |
| Vorbeugend | planbare Wartungskosten | Reduktion zufälliger Ausfälle | Verschleißteile mit bekannter Lebensdauer |
| Zustandsorientiert | Sensor-/Diagnosekosten, weniger Blindleistung | gezielte Eingriffe, weniger Ausfälle | kritische Aggregate mit messbaren Zustandsgrößen |
| Vorausschauend | Daten-/Modellkosten | frühzeitige Eingriffe, hohe Verfügbarkeiten | komplexe, teure Anlagen mit Folgekosten bei Ausfall |
| RCM / TPM | initialer Analyse- und Schulungsaufwand | robustes Gesamtsystem | gemischte Flotten, hohe Komplexität |
Ersatzteil- und Ressourcenstrategie
- Kritikalitätsbasierte Klassifizierung; Mindestbestände für Engpasskomponenten, Make-or-Buy-Entscheidungen.
- Lieferzeiten, Ausfallverteilungen und Bündelungen in Bestell- und Dispositionsregeln abbilden.
- Qualifikationsmix planen: interne Kernkompetenzen versus vertraglich geregelte externe Leistungen (Service-Level, Verfügbarkeitsverträge).
Daten und Systeme als Brücke
- Einheitliche Stammdaten gemäß Instandhaltungsbegriffen (z.B. gemäß EN 13306) als Basis.
- Einsatz von Computerized Maintenance Management System (CMMS) oder Enterprise Asset Management (EAM) zur strukturierten Erfassung von Arbeitsaufträgen, Störungen, Ersatzteilen und Zeiten.
- Zustandsdaten aus Leitsystemen koppeln; Qualitäts- und Energiekennzahlen verknüpfen.
Wirtschaftliche Wirkung: vom Aufwand zum Wertbeitrag
- Direkte Instandhaltungskosten: Personal, Fremdleistungen, Ersatzteile, Werkzeuge. Steuerbar über Standardzeiten, Planungsgrad, Bündelungen.
- Opportunitätskosten von Stillständen: entgangene Deckungsbeiträge, Terminverzug, Vertragsstrafen. Erwartungswert-basiert bewerten (Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadenshöhe).
- Qualitäts- und Sicherheitsrisiken: Ausschuss, Nacharbeit, HSE-Ereignisse; zwingend in das Risikoportfolio der Betriebsführung integrieren.
- Kapitalbindung: Ersatzteilbestände, Stillstandsvorräte; optimieren mit Servicelevel-zielen und Bestandsmodellen.
- Energie- und Prozesskosten: verschlissene Komponenten erhöhen Energiebedarf; gezielte Wartung senkt Verbrauch.
Praxisnahe Bewertungsansätze:
– Lebenszykluskostenvergleich: Summe aus Investitionen, planbarer Wartung, erwarteten Ausfallkosten, Restwerten diskontieren; die kostengünstigste Strategie im Zielkorridor wählen.
– Netto-Barwert (Net Present Value) einer Strategiewende: Differenz der Cashflows (z.B. zustandsorientiert statt zeitbasiert) inkl. Anlaufkosten und Einsparungen bei Ausfällen.
– Kennzahlen für Steuerung:
– Gesamtanlageneffektivität (OEE): Verfügbarkeit × Leistung × Qualität.
– Mittlere Zeit zwischen Ausfällen (Mean Time Between Failures (MTBF)) und mittlere Reparaturzeit (Mean Time To Repair (MTTR)).
– Anteil geplanter Wartung an Gesamtstunden, Termin- und Planerfüllung.
– Instandhaltungskosten im Verhältnis zum Wiederbeschaffungswert (Replacement Asset Value).
Umsetzung und Controlling: vom Plan zur Steuerung
1) Kritikalitätsanalyse der Assets
– Kategorisierung entlang Sicherheit, Umwelt, Qualität, Lieferfähigkeit, Kosten.
– Ergebnis: segmentspezifische Strategien und Servicelevels.
2) Prozesskosten in die Kostenrechnung integrieren
– Kostentreiber definieren (z.B. Anzahl Notfalleinsätze, Inspektionen, Rüstwechsel).
– Auftragsdaten aus dem System als Basis für Prozesskostenrechnung; Transparenz über Kosten je Anlage, Fehlerart, Maßnahme.
3) Schnittstelle Technik ↔ Controlling
– Gemeinsame Budgets je Asset-Gruppe; klare Regeln zur Abgrenzung von Investitionen und Aufwand (Komponententausch versus Instandsetzung).
– Zielvereinbarungen: Verfügbarkeit und Kostenziele gleichrangig; Bonus-Malus bei Abweichungen.
4) Planen und bündeln
– Jahres- und Wochenplanung synchron mit Produktionsfenstern; Stillstände bündeln.
– Ersatzteile und Dienstleistungen vorausschauend disponieren; Rahmenverträge mit Leistungskennzahlen.
5) Digitale Enablement
– CMMS/EAM als führendes System für Arbeitsaufträge, Historie, Ersatzteile.
– Zustandsdaten via Schnittstellen; Alarmierung mit Eskalationsregeln, aber ohne Alarmflut.
– Dashboarding: OEE, MTBF, MTTR, Planerfüllung, Bestandstiefe, Kosten je Ausfallart.
6) Kontinuierliche Verbesserung
– Ursachenanalysen (5-Why, Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse) standardisieren.
– Reviews im monatlichen Takt: Top-Ausfallarten, Top-Kostentreiber, Lessons Learned.
– Trainingspfad für Bediener und Instandhaltung (autonome Pflege, standardisierte Tätigkeiten). 🔧
7) Governance und Normenbezug
– Begrifflichkeiten und Kennzahlen an EN 13306 und DIN 31051 ausrichten.
– Asset-Management-Prinzipien aus ISO 55000/55001 für Ziele, Rollen und Risiken übernehmen.
– Dokumentationspflichten, Arbeitssicherheit und Versicherungsanforderungen als Muss-Kriterien in den Wartungsplänen kennzeichnen.
Quick-Check: 6 Fragen für den Start
- Haben wir je Anlage eine definierte Zielverfügbarkeit und einen akzeptierten Risikorahmen?
- Ist für kritische Assets die Strategie wirklich zustands- oder vorausschauend und nicht pauschal zeitbasiert?
- Sind unsere Arbeitsaufträge, Störungen und Ursachen sauber klassifiziert und in der Kostenrechnung verknüpft?
- Kennen wir die Top-5-Kostentreiber (Ausfallarten, Komponenten, Linien)?
- Steuern wir Ersatzteilbestände mit klaren Servicelevels und Wiederbeschaffungszeiten?
- Gibt es ein gemeinsames Dashboard, das Verfügbarkeit und Kosten in einem Bild zeigt?
Klare Empfehlung: Beginnen Sie mit einer fokussierten Kritikalitätsanalyse, heben Sie die wichtigsten drei Hebel (z.B. zustandsorientierte Überwachung für die A-Assets, Bündelung geplanter Stillstände, Prozesskostenrechnung mit echten Kostentreibern) und skalieren Sie dann strukturiert.
Quellen
– EN 13306: Maintenance – Maintenance terminology (2017), CEN, EN 13306:2017 (in Österreich als ÖNORM EN 13306 übernommen)
– DIN 31051: Instandhaltung – Grundlagen der Instandhaltung (2019-06), DIN, DIN 31051:2019-06
– ISO 55000/55001: Asset management – Overview, principles and requirements (2014), ISO, ISO 55000:2014 / ISO 55001:2014
– IEC 60300-3-11: Application guide – Reliability centered maintenance (2017), IEC, IEC 60300-3-11:2017
Lust auf einen pragmatischen Instandhaltungs- und Kosten-Check? Sprechen wir über Ihren Anlagenmix und die schnellsten Hebel. Rückfragen willkommen – gerne auch mit konkreten Kennzahlen oder Prozessbeispielen.
#WirtschaftMitTechnik #LemconTech #IngenieurbueroLemmerer #Instandhaltung #Kostenrechnung #AssetManagement #Industrie40
