R&I-Fließbilder richtig lesen – auch als Instandhalter

🏭 R&I-Fließbilder richtig lesen – auch als Instandhalter

R&I-Fließbilder (Rohrleitungs- und Instrumentenfließbilder) sind die „Landkarte“ einer verfahrenstechnischen Anlage. Wer sie lesen kann, versteht Aufbau, Zusammenhänge und Stellmöglichkeiten – und kann Störungen gezielter bearbeiten, Stillstände verkürzen und Umbauten sicherer begleiten.

Was ein R&I-Fließbild zeigt – und was nicht

Ein R&I-Fließbild stellt eine Anlage schematisch dar. Es ist kein Montageplan und kein Maßstab für Einbaulagen, sondern eine Funktions- und Übersichtszeichnung. Typisch enthalten:

  • Verfahrensschritte und Hauptapparate (Behälter, Wärmetauscher, Kolonnen, Reaktoren, Pumpen)
  • Rohrleitungen mit Nennweite, Druckstufe und Flussrichtung
  • Armaturen (Absperrung, Regelventile, Sicherheitsventile, Rückschlagventile)
  • Messstellen (Druck, Temperatur, Füllstand, Durchfluss usw.)
  • Mess- und Regeleinrichtungen (Sensoren, Signalarten, Regelkreise, Stellgeräte)
  • Hilfsmedien und Versorgungen (Dampf, Kühlwasser, Druckluft, Stickstoff, CIP-Medien)
  • Sicherheits- und Entspannungsleitungen (Sicherheitsventile, Flare, Fackelleitung, Abblaseleitungen)
  • Schnittstellen zu anderen Anlagenteilen oder Gewerken (Elektrik, Gebäude, Medienversorgung)

Nicht enthalten sind in der Regel:

  • Exakte Rohrlängen, Gefälle oder Trassenverläufe
  • Stahlbau, Bühnen, Fundamente
  • Detaillierte Elektroplanung oder Softwarelogik (nur Verknüpfungssymbole)

Für Instandhaltungsteams ist entscheidend: Das R&I-Fließbild zeigt, „was mit was zusammenhängt“ und „was passiert, wenn ich hier auf- oder zudrehe oder ein Signal ändere“.

Symbole und Kennzeichnung: die „Sprache“ der R&I-Fließbilder

Symbole für Apparate und Rohrleitungen

Zur eindeutigen Darstellung werden genormte Symbole genutzt, typischerweise nach ÖNORM und den Europäischen Normen (z.B. EN ISO 10628 für Fließbilder). Üblich sind:

  • Behälter: Zylinder- oder Kastenform, mit Kennzeichnung für vertikal/horizontal, oft mit Füllstands- oder Rührwerkssymbol
  • Wärmetauscher: Zwei miteinander verbundene Kästen oder Rohrbündel-Symbol
  • Pumpen: Kreis mit Dreieck oder spezielles Pumpensymbol (z.B. Kreiselpumpe, Verdrängerpumpe)
  • Kolonnen: Senkrechter, länglicher Behälter, oft mit eingezeichneten Böden oder Einbauten
  • Rohrleitungen: Linien mit Pfeilen für Flussrichtung, Linienarten für unterschiedliche Medien oder Druckstufen

Rohrkennzeichnungen enthalten häufig:

  • Nennweite (zum Beispiel DN 80)
  • Druckstufe (zum Beispiel PN 16)
  • Medium (zum Beispiel PW für Reinwasser, Dampf, Stickstoff)
  • Linienarten (durchgezogen, gestrichelt, Punkt-Linie usw.) zur Unterscheidung von Prozess-, Hilfs-, Entwässerungs- oder Entlüftungsleitungen

Mess- und Leitsystem: Messkreise und Kennbuchstaben

Mess- und Stellgeräte werden meist mit Kennbuchstaben nach Norm (zum Beispiel EN 62424, früher auch ISA-Logik) aufgebaut. Ein vereinfachtes Beispiel:

  • Erster Buchstabe: Messgröße
  • T = Temperatur
  • P = Druck (Pressure)
  • L = Füllstand (Level)
  • F = Durchfluss (Flow)
  • Weitere Buchstaben: Funktion
  • I = Anzeige (Indicator)
  • C = Regler (Controller)
  • T = Transmitter (Signalgeber)
  • V = Stellventil (Valve)

Einige typische Kombinationen im Bild:

  • TI: Temperaturanzeige
  • PT: Drucktransmitter (Messumformer, sendet Signal)
  • PIC: Druckregler (Controller, oft im Leitsystem)
  • LV: Füllstandsventil (Level Valve), Stellventil im Füllstandsregelkreis

Die Darstellung der Messstellen erfolgt meist in Kreisen oder Ovalen. Durchgezogener Kreis = im Feld, Doppelkreis = im Leitstand, gestrichelte Linien = elektrische oder pneumatische Signale.

Für die Instandhaltung ist wichtig: Über die Kennzeichnung erkennen Sie direkt:

  • Wo wird gemessen?
  • Welche Messgröße?
  • Wird nur angezeigt oder auch geregelt?
  • Welches Stellglied wird angesteuert?

Kennzeichnungssysteme und Tags verstehen

Jede Komponente im R&I-Fließbild erhält einen eindeutigen Tag (Kennzeichnung), zum Beispiel:

  • P-101A: Pumpe 101, Aggregat A (wenn redundant)
  • V-203: Behälter 203
  • XV-401: Absperrventil (X für „On/Off“), Nummer 401
  • LIC-210: Füllstandsanzeige- und Regler (Level Indicator Controller) an Behälter 210

Oft sind Nummernkreise pro Anlagenteil definiert (zum Beispiel 100er-Bereich für Rohstofflager, 200er für Reaktorbereich, 300er für Abwasser). Diese Struktur ist nicht genormt, sondern projektspezifisch – sie steht meist im Kennzeichnungs- oder Nummerierungshandbuch des Projekts oder Betreibers.

Für Praxis und Wartung:

  • Tags konsequent mit Typenschildern im Feld abgleichen.
  • Änderungen an der Anlage immer mit Tag-Liste und R&I-Fließbild synchronisieren (Management of Change).
  • Für Fehlersuche: Tag im Leitsystem, im Wartungssystem und im R&I-Fließbild muss identisch sein – sonst steigt die Verwechslungsgefahr.

Funktionsprinzip aus dem R&I-Fließbild ableiten

Mit etwas Übung lässt sich der Anlagenbetrieb fast „live“ aus dem R&I-Fließbild nachvollziehen. Vorgehen:

  1. Hauptprozessweg verfolgen
  2. Vom Rohstoff-Eintritt über Pumpen, Apparate, Reaktoren und Wärmetauscher bis zum Produkt- oder Abwasser-Austritt.
  3. Flussrichtungspfeile und Mediumskennzeichnungen beachten.

  4. Hilfs- und Nebenprozesse erkennen

  5. Dampf- und Kondensatleitungen.
  6. Kühlwasser- oder Kältemittelkreise.
  7. Stickstoff-Spülleitungen, Inertisierung.
  8. CIP-Systeme (Cleaning in Place) mit Reinigungsmedien, Rückführung und Abwasserkontakt.

  9. Regelkreise lesen

  10. Welche Messgröße wird wo erfasst?
  11. Welcher Regler (PIC, LIC etc.) verarbeitet das Signal?
  12. Welches Stellventil ändert den Betriebszustand?

  13. Sicherheitsfunktionen und Schutzebenen erkennen

  14. Sicherheitsventile und deren Entspannungswege.
  15. Messketten mit Alarmfunktionen (zum Beispiel Hoch- und Niedriggrenzen).
  16. Notabschaltung oder Verriegelungen (im R&I-Fließbild manchmal nur angedeutet).

So erschließt sich Schritt für Schritt: „Wenn diese Messstelle ausfällt oder der Wert abweicht, welche Stellgeräte reagieren und welche Auswirkung hat das auf den Prozess?“

R&I-Fließbilder im Alltag von Instandhaltung und Produktion

Typische Anwendungsfälle in der Instandhaltung

  • Störungssuche
  • Wo kann das Medium noch hinfließen (Bypässe, Rückführungen)?
  • Welche Ventile müssen in welcher Stellung sein, damit ein bestimmter Betriebspunkt möglich ist?
  • Welche Messstellen beeinflussen das betroffene Stellglied?

  • Sperren und Freischalten vor Arbeiten

  • Ermitteln, welche Leitungen und Apparate gemeinsam abgesperrt und entleert werden müssen, um sicher zu arbeiten (in Abstimmung mit Freigabeprozessen, zum Beispiel nach ASchG und internen Arbeitsfreigaberegelungen).
  • Erkennen von Querverbindungen, die ein unerwartetes Einströmen von Medium ermöglichen könnten.

  • Medienverwechslungen vermeiden

  • Durchlesen von Medienkennzeichnungen und Fließwegen: Wo können sich Medien mischen oder vertauschen?
  • Identifizieren von potenziellen Rückflüssen (fehlende oder defekte Rückschlagventile).

  • Ersatzteil- und Umbauplanung

  • Ermitteln von Nennweiten und Druckstufen für Armaturen und Rohrteile.
  • Identifizieren, welche Anlagenteile bei einem Umbau betroffen sind.

Nutzen für Produktionsteams

  • Klarheit über Betriebspunkte (zum Beispiel Start, Normalbetrieb, Reinigungsbetrieb).
  • Besseres Verständnis für die Konsequenzen von manuellen Eingriffen (Bypässe, Handstellventile).
  • Strukturierte Kommunikation mit Leittechnik und Instandhaltung über konkrete Tags und Kreise, statt „das Ventil da beim Tank“.

Typische Fehlerbilder und wie das R&I-Fließbild hilft

Falsche Ventilstellung oder unerkannte Bypässe

Problem: Anlage erreicht Sollwerte nicht, obwohl Regelung „aktiv“ ist.
Im R&I-Fließbild prüfen:

  • Gibt es Bypassleitungen um zentrale Apparate (Filter, Wärmetauscher, Messstrecken)?
  • Sind in Betriebsschemata verschiedene Fahrweisen vorgesehen (Produktbetrieb, CIP, Umlaufbetrieb)?

Maßnahme in der Praxis: Im Feld die zugehörigen Ventile mit Tag-Liste und R&I-Fließbild abgehen und Soll-/Ist-Stellung dokumentieren.

Messfehler und „Blindflug“ in der Regelung

Problem: Regler „arbeitet“, aber der Prozess reagiert nicht sinnvoll.
Im R&I-Fließbild prüfen:

  • Ist der Messort geeignet (vor/nach Mischung, vor/nach Apparat)?
  • Greift das Stellventil an der richtigen Stelle im Prozess ein?
  • Gibt es Parallelstrecken, die am Messort vorbeiführen?

So lassen sich nicht nur defekte Sensoren erkennen, sondern auch strukturelle Schwachstellen im Messstellenlayout.

Sicherheitsfunktionen unvollständig wirksam

Problem: Überdrucksituationen, unvollständige Entspannung, nicht wirksame Inertisierung.
Im R&I-Fließbild prüfen:

  • Vollständigkeit der Entspannungswege (Sicherheitsventile, Fackelleitung, Abblasepunkte).
  • Querverbindungen, über die im Störfall Medien in andere Anlagenteile gelangen können.
  • Übereinstimmung von realen Einbauten mit der Darstellung (zum Beispiel nach Umbauten).

Gerade bei sicherheitsrelevanten Funktionen ist entscheidend, dass Änderungen an der Anlage rechtlich korrekt dokumentiert und bewertet werden. In Österreich sind hier unter anderem das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) und darauf aufbauende Verordnungen relevant; rechtliche Detailanforderungen hängen stark vom Anlagentyp und der Einstufung (zum Beispiel Seveso-Betrieb) ab und müssen im Einzelfall geprüft werden.

Arbeiten mit R&I-Fließbildern: Vorgehen für Instandhalter

Schrittweises Lesen lernen

  1. Ein R&I-Fließbild-„Ausschnitt“ wählen (zum Beispiel nur den Reaktorzug).
  2. Alle Behälter und Hauptapparate benennen und deren Funktion klären.
  3. Alle Ein- und Ausgänge je Apparat verfolgen (Medium, Richtung, Armaturen).
  4. Alle Messstellen zuordnen (Welche Messgröße? Wozu dient sie? Anzeige oder Regelung?).
  5. Die zugehörigen Stellglieder (Ventile, Pumpen, Mischer) identifizieren.
  6. Betriebszustände durchgehen:
  7. Start
  8. Normalbetrieb
  9. Stillsetzen
  10. Reinigung / Spülung

Mit dieser Struktur entsteht ein mentaler „Film“ des Prozesses – sehr hilfreich für die systematische Störungssuche.

Abstimmung mit Feldrealität

R&I-Fließbilder sind nur so gut wie ihre Aktualität. In der Praxis:

  • Bei Begehungen das R&I-Fließbild mitführen (digital oder ausgedruckt).
  • Abweichungen erfassen: fehlende oder zusätzliche Ventile, umgebaute Leitungen, stillgelegte Apparate.
  • Änderungen in einem klaren Änderungsprozess melden und dokumentieren lassen, damit Plan und Realität wieder übereinstimmen.

Gerade in Bestandsanlagen mit vielen Umbauten lohnt es sich, gezielt „kritische“ Anlagenteile (zum Beispiel Medienumschaltungen, Fackelsystem, CIP) auf Plan-Feld-Differenzen zu prüfen.

Zusammenarbeit mit Planung, EMSR und Produktion

Für einen störungsarmen Betrieb sollten folgende Punkte gemeinsam geklärt sein:

  • Einheitliches Verständnis der Kennzeichnung (Tags, Nummernkreise, Medienbezeichnungen).
  • Abgesprochenes Vorgehen bei Änderungen: Wer darf was ändern, wer aktualisiert R&I-Fließbild, wer prüft?
  • Schulungen, in denen neue oder geänderte Anlagenteile direkt am R&I-Fließbild erklärt werden – mit konkreten Störungsszenarien.

Instandhaltung und Recht: Rolle des R&I-Fließbilds in Österreich

In Österreich bilden R&I-Fließbilder häufig eine wesentliche Grundlage für:

  • Gefährdungsbeurteilungen nach ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG)
  • Betriebsanlagengenehmigungen nach Gewerbeordnung (GewO), soweit prozessrelevant
  • Sicherheitsbetrachtungen bei Störfallbetrieben (Seveso-Anlagen), abhängig von der Einstufung und Tätigkeit

Wesentliche Punkte:

  • Gesetzliche Mindestvorgaben, etwa aus dem ASchG, gehen Herstellerangaben und „Stand der Technik“ vor und dürfen nicht unterschritten werden.
  • R&I-Fließbilder können Hilfsmittel für die Evaluierung sein, ersetzen aber keine rechtliche Prüfung oder eine behördliche Genehmigung.
  • Konkrete rechtliche Detailanforderungen sind stark anlagenspezifisch (Branche, Stoffe, Mengen, Verfahren). Wenn nicht eindeutig klar ist, was im Einzelfall gefordert ist, sollte fachliche oder juristische Beratung hinzugezogen werden, anstatt Annahmen zu treffen.

Für Instandhaltungsteams bedeutet das: Das R&I-Fließbild ist ein zentrales Dokument, um technische Maßnahmen fachlich fundiert zu planen; die rechtliche Zulässigkeit muss jedoch gesondert geklärt werden.

Praktische Tipps: Wie Teams besser mit R&I-Fließbildern arbeiten

  • R&I-Grundschulung für alle Beteiligten (Produktion, Instandhaltung, Leittechnik) – mit Praxisbezug zur eigenen Anlage.
  • Standard-Betriebsszenarien am R&I-Fließbild erklären lassen (Start, Stopp, Spülen, CIP, Störung).
  • „Top 10“-Störungen der letzten Jahre nehmen und gemeinsam am R&I-Fließbild nachvollziehen, welche Mess- und Stellglieder beteiligt waren.
  • Kritische Ventile und Messstellen im Plan farblich oder mit Layern hervorheben (Sicherheitsventile, Verriegelungen, medienrelevante Umschaltungen).
  • Sicherstellen, dass bei jedem Umbau das R&I-Fließbild aktualisiert und freigegeben wird – sonst entstehen gefährliche Wissenslücken. 🔧

Wer R&I-Fließbilder sicher lesen kann, versteht seine Anlage deutlich besser, findet Störungen schneller und reduziert Fehlbedienungen – ein direkter Gewinn für Verfügbarkeit, Sicherheit und Produktqualität. 📈


Quellen (Auswahl)
– EN ISO 10628-1:2014 – Fließbilder für chemische und petrochemische Anlagen – Teil 1: Spezifikation für Fließbilder. CEN/ISO.
– EN 62424:2016 – Darstellung von verfahrenstechnischen Prozessen in Prozessleitsystemen – Strukturierte Beschreibung von Messkreisen. CENELEC/IEC.
– VDI 3260 Blatt 1:2016 – Fließbilder und Prozessbilder – Grundlagen. VDI.
– ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG), konsolidierte Fassung. Republik Österreich, ris.bka.gv.at.

Wenn Sie möchten, können wir im nächsten Schritt ein konkretes R&I-Fließbild (anonymisiert) gemeinsam Schritt für Schritt durchgehen und typische Störungsszenarien darauf anwenden. Schicken Sie mir einfach Ihre Fragen oder beschreiben Sie eine typische Anlage aus Ihrem Betrieb.

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