Versehentlich deaktivierter Sensor – unbemerkt tagelang

PraxisCheck: Versehentlich deaktivierter Sensor – unbemerkt tagelang

Ein unbemerkt deaktivierter Sensor gefährdet Sicherheit, Qualität und Verfügbarkeit – oft ohne offensichtliche Symptome. So erkennen Sie den Zustand zuverlässig und verhindern Wiederholungen. 🔍⚠️

Problem/Nutzen

  • Problem: Sensor wurde bei Wartung, Störungssuche oder Produktwechsel außer Kraft gesetzt (Bypass, „Forcen“ in der Steuerung, Simulation, Muting) und blieb aktiv – Tage ohne Rückmeldung.
  • Risiken: Umgehung von Schutzeinrichtungen, Qualitätsabweichungen, ungeplante Stillstände, Fehlmengen.
  • Nutzen des PraxisChecks: Schnelles Auffinden, sichere Wiederinbetriebnahme, robuste Vorbeugung.

4 Praxisschritte

1) Sofort-Check am Aggregat

  • Sichtprüfung: Stecker, Kabel, Halterung, LED-Anzeigen am Sensor; keine Abkleber, Brücken, Drahtbügel.
  • Schutzeinrichtungen: Verriegelungen, Lichtgitter, Schalter – mechanisch unversehrt, betätigt sichergestellt.
  • Energieversorgung: Versorgungs-LED/Anzeige am Sensor, Sicherungen, Klemmen; bei Funk/IO-Link: Status und Diagnose beachten.
  • Dokumentation: Auffälligkeiten mit Foto und Kurznotiz im Schichtlogbuch erfassen.

2) Steuerungs-Check in der speicherprogrammierbaren Steuerung (SPS)

  • Forcen/Bypässe: In der SPS und an der Mensch-Maschine-Schnittstelle (HMI) „Forcen“, Überbrückungen, Simulationsflags, Wartungsmodi prüfen und auf 0 stellen. Keine produktive Freigabe mit aktivem Force.
  • Sicherheitssteuerung: In Safety-CPU/Relais Diagnose prüfen (Störungen, Querschluss, Diskrepanzzeit). Muting nur prozessbedingt und zeitlich begrenzt.
  • Alarme/Logs: Ereignisprotokolle und Benutzeranmeldungen prüfen (wer hat wann überbrückt?).
  • Vier-Augen-Prinzip: Rückstellung und Freigabe werden von Bedienung und Instandhaltung gemeinsam bestätigt.

3) Plausibilität und Funktionsnachweis

  • Funktionsprobe: Sensor zielgerichtet betätigen (Testkörper, Referenzteil). Reaktion der Anlage beobachten, Rückmeldung in SPS/HMI kontrollieren.
  • Plausibilitätsregeln: „Heartbeat“/Taktbits, Zeit-ohne-Änderung, Wertebereichsprüfung, Quervergleich mit Nachbarsensoren und Prozesswerten (z.B. Füllstand vs. Stückzähler).
  • Trend/Verlauf: Flache, unveränderte Signale über lange Zeit sind ein Warnsignal. Abweichungen dokumentieren.

4) Ursachen beheben und Wiederholungen verhindern

  • Root Cause: Warum wurde überbrückt? Fehlanpassung der Logik, defekter Sensor, zu strenge Toleranzen, schlechter Zugang?
  • Technische Absicherung:
  • Alarm, wenn Forcen/Bypässe aktiv sind (SPS-„Force-Watchdog“, HMI-Banner, Hupe/Leuchte).
  • Zeitlimit für Bypass mit automatischer Rücknahme und Pflichtbegründung.
  • Verriegelte Schlüsselschalter statt Soft-Schalter; Plomben/Manipulationsschutz nach EN ISO 14119.
  • Zweikanalige Auswertung mit Diskrepanzüberwachung (EN ISO 13849-1 bzw. EN IEC 62061).
  • Organisation:
  • Klare Freigabeprozesse für Überbrückungen (wer, wie lange, wozu).
  • Schichtwechsel-Check: „Keine Überbrückungen aktiv“ als Pflichtpunkt.
  • Änderungsmanagement: Änderungen in Steuerung/Parametrierung mit Versionsstand dokumentieren.

Typische Fehler, die das Problem begünstigen

  • „Temporäre“ Forcen bleiben nach Störungsbehebung aktiv.
  • Muting/Bypass ohne klare Zeitbegrenzung und optische Anzeige.
  • Kein separater Alarm für Sensor „keine Änderung seit X Minuten“.
  • HMI zeigt Sensorstatus, aber nicht die tatsächliche Wirkgröße (z.B. Kanal zwischengeschaltet).
  • Keine Trennung zwischen Wartungs- und Produktionsberechtigung.
  • Sensoren ohne Manipulationsschutz (gleichschließende Schlüssel, leicht zugängliche Klemmen).

Schnell-Check vor Produktionsfreigabe

| Ebene | Was prüfen |
| — | — |
| Sensor | LED/Anzeige, fester Sitz, keine Brücken/Abkleben, korrekte Justage |
| Schutzeinrichtung | Mechanik ok, Verriegelung greift, Test mit Referenzkörper |
| SPS/HMI | Keine Forcen/Simulation, kein Wartungsmodus, keine offenen Alarme |
| Safety | Keine Fehler/Querschlüsse, Muting aus bzw. nur im validen Fenster |
| Prozess | Signalverlauf plausibel, Trendwechsel vorhanden, Referenzteil ok |

Rechtlicher Rahmen (AT)

  • ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) § 4: Arbeitgeber haben Gefahren an der Quelle zu vermeiden und sichere Arbeitsmittel bereitzustellen. Das In-Verkehr-Bringen oder Betreiben mit unwirksam gemachten Schutzeinrichtungen widerspricht diesen Grundsätzen. Rechtsquelle: ris.bka.gv.at.
  • Arbeitsmittelverordnung (AM-VO) § 8: Arbeitsmittel sind vor der ersten Inbetriebnahme, nach Montage, nach außergewöhnlichen Ereignissen sowie wiederkehrend durch fachkundige Personen zu prüfen. Umfang und Fristen sind entsprechend Einsatzbedingungen festzulegen; sicherheitsrelevante Funktionen müssen dabei erfasst werden. Rechtsquelle: ris.bka.gv.at.

Hinweis: Gesetzliche Mindestvorgaben haben Vorrang. Technische Standards (siehe Quellen) konkretisieren den Stand der Technik und sind bei Auswahl, Integration und Änderung von Sensorik und Schutzeinrichtungen heranzuziehen.

Praxis-Tipps

  • HMI-Startbild: Großes, dauerhaft sichtbares Feld „Überbrückungen aktiv: JA/NEIN“.
  • Tägliche Schicht-Checkliste: Sensorik/Safety ok, keine Forcen, Logs geprüft.
  • KPI-Ergänzung: „Zeit mit aktiven Forcen/Bypässen“ als Kennzahl für Führungsteam.
  • Ersatzsensoren und Justagehilfen griffbereit halten; Tausch schneller als Bypass. 🔧
  • Schulung: Kurzunterweisung „Forcen richtig nutzen und zurücknehmen“ für Instandhaltung.

Quellen
– ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) § 4 – Allgemeine Grundsätze der Gefahrenverhütung (Stand: konsolidiert 2024), ris.bka.gv.at
– Arbeitsmittelverordnung (AM-VO) § 8 – Prüfungen (Stand: konsolidiert 2024), ris.bka.gv.at
– EN ISO 14119:2019 – Sicherheit von Maschinen – Verriegelungseinrichtungen in Verbindung mit trennenden Schutzeinrichtungen, iso.org
– EN ISO 13849-1:2023 – Sicherheit von Maschinen – Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen, iso.org

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