Wer hat den Filter nicht getauscht?

💡 Wer hat den Filter nicht getauscht?

Wer hat den Filter nicht getauscht? Diese Frage taucht meist erst dann auf, wenn es schon kracht: Stillstand, Bauteilschaden, QualitĂ€tsprobleme oder GrenzwertĂŒberschreitung. In vielen Betrieben sind Filterwechsel organisatorisch unsauber geregelt – und damit ein Dauer-Risiko fĂŒr VerfĂŒgbarkeit, QualitĂ€t und RechtskonformitĂ€t.

Problem und Nutzen

Typische Folgen von nicht oder zu spÀt gewechselten Filtern:
– Ungeplante StillstĂ€nde durch Verstopfung oder Pumpenausfall
– QualitĂ€tsprobleme (Staub, Partikel, Öl, Keime in Produkt oder Umgebung)
– Höherer Energieverbrauch (z.B. LĂŒfter, Kompressoren laufen gegen hohen Druckverlust)
– Überschreitung von Emissions- oder Arbeitsplatzgrenzwerten (Behörden- und Haftungsthema)
– Diskussionen: „Wartung war extern!“ – „Nein, das war intern!“ – niemand kann es belegen

Ziel: Klare Verantwortlichkeiten, nachvollziehbare Planung und einfache Kontrolle, damit der Filterwechsel sicher, rechtssicher und wirtschaftlich lÀuft.


Praxisschritt 1: Wo sind ĂŒberall „kritische“ Filter?

Start nicht bei der Technik, sondern bei der Funktion:
Wo verursacht ein nicht gewechselter Filter echten Schaden?

Typische Bereiche:
– Druckluftanlagen (Kompressor, Trockner, Leitungsfilter – Produkt- und Steuerungsluft)
– Prozessluft / LĂŒftung (Raumlufttechnik, Absaugungen, Einhausungen, ReinrĂ€ume)
– Hydraulik- und Schmierölsysteme
– Medien- und Produktfilter (FlĂŒssigkeiten, Gase, Chemikalien)
– Sicherheitstechnik (z.B. Filter bei Sicherheitsabsaugungen, Abgasfilter, Ex-Zonen-Absaugung)
– Umwelt- und Emissionsanlagen (z.B. Staubfilter, Aktivkohlefilter)

Vorgehen:
1. Anlagenliste heranziehen (Maschinenverzeichnis, LĂŒftungsanlagen, Kompressoren).
2. Bei jeder Anlage prĂŒfen: Welche Filter sind eingebaut? Welche Funktion haben sie?
3. KritikalitÀt bewerten:
– Filter beeinflusst ProduktqualitĂ€t oder Sicherheitsfunktion → hohe PrioritĂ€t.
– Filter nur Komfort (z.B. BĂŒro-KlimagerĂ€t) → niedrigere PrioritĂ€t.

Wichtig: Emissions- und Arbeitsschutz-relevante Filter (z.B. Staubfilter, Lösemittel-Aktivkohle) fallen zusÀtzlich unter das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) und Umweltvorgaben. Hier ist Nachweisbarkeit besonders wichtig.


Praxisschritt 2: Klare ZustĂ€ndigkeit definieren – schriftlich, pro Anlage

Die wichtigste Frage:
Wer entscheidet, wann der Filter zu wechseln ist – und wer fĂŒhrt den Wechsel tatsĂ€chlich durch?

Minimal-Regelung je Anlage (kurz, aber eindeutig dokumentieren, z.B. im Wartungsplan):

  • „Filterverantwortung Technik“ oder „Filterverantwortung Produktion“
    – Technik = Instandhaltung / Facility
    – Produktion = SchichtfĂŒhrung / Linienverantwortliche
  • „Wechsel durch“ (z.B. interne Instandhaltung, externe Servicetechnik, geschulte Bediener)
  • „Freigabe durch“ (wer setzt das „OK“ zur Wiederinbetriebnahme)

Praxisbeispiele:
– Druckluft-Hauptaufbereitung:
– Verantwortung: Technik
– Wechsel: Technik oder externer Service
– Freigabe: Technik (Kompressor wieder ins Netz)

  • Produktfilter an AbfĂŒlllinie:
  • Verantwortung: Produktion
  • Wechsel: geschulte SchichtfĂŒhrer
  • Freigabe: Produktion, Dokumentation im Chargenprotokoll

Tipp: Alles, was Sicherheitsfunktionen, Emissionen oder Arbeitsplatzgrenzwerte berĂŒhrt, sollte immer eine technische Verantwortung haben – auch wenn die Bedienung mitarbeitet.


Praxisschritt 3: Wartungskonzept – nicht nur „alle 6 Monate“

Viele Filter werden „nach Kalender“ gewechselt, weil das einfach ist. Technisch sinnvoller ist eine Kombination aus:
– Herstellerangaben (Intervall und Betriebsbedingungen)
– Betriebsstunden bzw. Chargenanzahl
– Zustandsorientierung (Druckdifferenz, Durchfluss, QualitĂ€tsmessung)

Pragmatisches Vorgehen:
1. Herstellerdokumentation prĂŒfen:
– Mindestvorgaben fĂŒr Filterwechsel
– Grenzwerte fĂŒr Differenzdruck, Durchfluss, QualitĂ€t
2. Intervall festlegen:
– Sicherheitsrelevante oder QS-kritische Filter (QualitĂ€tssicherung):
– Maximalintervall nach Hersteller oder kĂŒrzer (Konzept z.B. „alle X Betriebsstunden oder spĂ€testens alle 12 Monate“).
– Komfortfilter (BĂŒro, nicht sicherheitsrelevant):
– GrĂ¶ĂŸere Intervalle möglich, aber immer noch nachvollziehbar.
3. Wo möglich, einfache Zustandskriterien nutzen:
– Manometer fĂŒr Differenzdruck (rote Markierung, Wechselgrenze)
– QualitĂ€tsmessung (z.B. Druckluft-Ölanteil, Partikelzahl)
– SichtprĂŒfung nur dort, wo wirklich aussagekrĂ€ftig

Rechtlicher Hinweis (Österreich):
– FĂŒr viele Filter gibt es keine direkt benannten Intervalle im Gesetz.
– Sobald jedoch Emissionen, Gefahrstoffe oder LĂŒftung fĂŒr ArbeitsplĂ€tze betroffen sind, greifen insbesondere:
– ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) in Verbindung mit Verordnungen wie der Grenzwerteverordnung 2024.
– PrĂŒffristen und Wartungsanforderungen können sich aus diesen Pflichten ergeben (z.B. sichere Funktion der Absaugung, Einhaltung von Grenzwerten).
– Konkrete Intervalle ergeben sich daher meist aus Herstellerangaben und betriebsspezifischer GefĂ€hrdungsbeurteilung, nicht direkt aus einem Paragraphen mit „alle X Monate“.


Praxisschritt 4: Dokumentation, die auf dem Shopfloor funktioniert

Keine komplexen Systeme, die niemand pflegt. Besser: einfache, sichtbare und belastbare Lösungen. 💡

Möglichkeiten:
– Wartungsplan in der Instandhaltungssoftware mit „Filterwechsel“-Auftrag
– Wartungsblatt an der Anlage (laminiert), mit:
– Filtertyp und Kennzeichnung
– Verantwortlich (Technik/Produktion)
– Letzter Wechsel (Datum, Unterschrift oder KĂŒrzel)
– NĂ€chster geplanter Wechsel
– Chargenprotokoll mit Filterstatus (bei produktberĂŒhrenden Filtern)
– Differenzdruckanzeige mit klarer Markierung: „Ab hier Filter wechseln“

Wichtig:
– Filterwechsel immer nachvollziehbar dokumentieren (wer, wann, welcher Filter).
– Bei sicherheits- oder qualitĂ€tskritischen Filtern: kein Anfahren der Anlage ohne dokumentierte Freigabe.


Praxisschritt 5: Typische Verantwortungsfallen schließen

„Wer hat den Filter nicht getauscht?“ ist oft eine Organisationsfrage, kein Technikproblem. Typische Fallen:

  1. Externe Wartung ohne klare Abgrenzung
  2. „Kompressorservice ist beim Lieferanten“ – aber Leitungsfilter in der Produktion sind intern?
    → Klare Schnittstellen definieren: Was macht der externe Dienstleister, was der Betrieb selbst?

  3. Schichtbetrieb ohne Zuordnung

  4. „War sicher die andere Schicht“ hilft nicht.
    → In jeder Schicht eine Rolle festlegen (z.B. „Anlagenverantwortlicher Schicht“) mit Pflicht zur Sichtkontrolle und Meldung.

  5. Keine RĂŒckmeldung bei GrenzwertĂŒberschreitung

  6. Differenzdruckanzeige ist im roten Bereich, niemand fĂŒhlt sich zustĂ€ndig.
    → Klare Anweisung: „Roter Bereich = Anlage stoppen oder Meldung an Technik – je nach Risikoklasse.“

  7. Filterwechsel nicht in die GefÀhrdungsbeurteilung eingebunden

  8. Staub- oder Lösemittel-Filter werden als „Betriebsmittel“ gesehen, nicht als sicherheitsrelevant.
    → In der GefĂ€hrdungsbeurteilung explizit bewerten, welche Filter fĂŒr Personen- oder Umweltschutz relevant sind.

Typische Fehler und wie Sie sie vermeiden

  • Filter ist im Wartungsplan, aber nicht in der Verantwortung
  • Lösung: Pro Anlage genau eine „Filterverantwortung“ benennen (Technik oder Produktion), kein „gemeinsam“.

  • Nur Zeitintervall, keine PlausibilitĂ€tskontrolle

  • Lösung: ErgĂ€nzend ZustandsgrĂ¶ĂŸen erfassen (Druckdifferenz, Durchfluss, SichtprĂŒfung, Messwerte).

  • Keine Originalbezeichnung des Filters

  • Lösung: Auf dem Wartungsblatt und in der Software den exakten Filtertyp hinterlegen (inkl. Herstellerbezeichnung), Verwechslungsgefahr minimieren.

  • Wechsel nach GefĂŒhl

  • Lösung: Kriterien klar definieren (Betriebsstunden, Messwerte, Herstellerangaben) und schriftlich festhalten.

  • Keine Schulung der Bediener

  • Lösung: Kurze, praxisnahe Unterweisung:
    • Wozu dieser Filter?
    • Woran erkenne ich, dass er problematisch ist?
    • Wen informiere ich?

Kurz-Checkliste: „Filterorganisation“ im Betrieb

| PrĂŒffrage | Ja | Nein | Maßnahme bei „Nein“ |
|———-|—-|——|———————-|
| Gibt es eine Liste der kritischen Filter (QualitÀt, Sicherheit, Emission)? | ☐ | ☐ | Anlagenliste durchgehen, Filter erfassen. |
| Ist pro Anlage eine klare Verantwortung (Technik oder Produktion) definiert? | ☐ | ☐ | ZustÀndigkeiten schriftlich festlegen. |
| Sind Intervalle und/oder Zustandskriterien schriftlich hinterlegt? | ☐ | ☐ | Wartungskonzept je Filter erstellen. |
| Werden alle Wechsel dokumentiert (Datum, Person, Filtertyp)? | ☐ | ☐ | Einfache Doku einfĂŒhren (Blatt, System). |
| Ist geregelt, was bei GrenzwertĂŒberschreitung / rotem Bereich zu tun ist? | ☐ | ☐ | Arbeitsanweisungen erstellen und schulen. |
| Sind sicherheitsrelevante Filter in der GefĂ€hrdungsbeurteilung berĂŒcksichtigt? | ☐ | ☐ | Evaluierung nach ASchG ergĂ€nzen. |


Fazit

Die Frage „Wer hat den Filter nicht getauscht?“ lĂ€sst sich organisatorisch lösen:

  • Kritische Filter identifizieren
  • Verantwortung klar zuordnen
  • Technisch sinnvolle Intervalle und Zustandskriterien festlegen
  • Einfach dokumentieren, sichtbar am Shopfloor
  • Schnittstellen (extern/intern, Schichten) sauber regeln

Damit reduzieren Sie StillstĂ€nde, QualitĂ€tsrisiken und rechtliche AngriffsflĂ€chen deutlich – mit ĂŒberschaubarem Aufwand. ✅

Wenn Sie möchten, können wir im nĂ€chsten Schritt beispielhaft eine Anlage aus Ihrem Betrieb durchgehen und die Filterorganisation daran konkret ausarbeiten. Schicken Sie mir dazu einfach eine kurze Beschreibung der Anlage und der eingesetzten Filter – und gerne auch Ihre bisherigen Erfahrungen oder Probleme.


Quellenauswahl (Auszug):
– ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG), konsolidierte Fassung – ris.bka.gv.at, Stand 2025
– Grenzwerteverordnung 2024 (GKV), BGBl. II Nr. 41/2018 – ris.bka.gv.at, Stand 2025
– ÖNORM EN 13779:2007 „LĂŒftung von NichtwohngebĂ€uden – Allgemeine Grundlagen und Anforderungen“ – Austrian Standards
– VDMA-Einheitsblatt 15390-1:2018 „Druckluft – Aufbereitung – Filter“ – VDMA

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